Debütalbum "Teenage Emotions" Lil Yachty ist der Punk des Hip-Hop

Gangsta-Rap war gestern: Lil Yachty schert sich nicht um die alten Helden des Hip-Hop.

(Foto: David Goldman/AP)

Tupac, The Notorious B.I.G., diese Namen bedeuten ihm nichts. Rapper Lil Yachty bricht mit Hip-Hop-Traditionen - wie Gender-Klischees und Homophobie.

Von Annett Scheffel

Der amerikanische Rapper Lil Yachty ist eine Art fleischgewordener Albtraum des Genres. Im vergangenen Jahr stieg der 19-Jährige mit zwei Mixtapes, extravaganten Bilderparaden auf Instagram und unverschämten Interviews zu einer Internetberühmtheit auf. Gleichzeitig ist er der Nukleus einer lauten, zornigen Diskussion um die Zukunft des Hip-Hop geworden. Gerade ist sein Debütalbum "Teenage Emotions" (Universal) erschienen. Die Musik darauf hat Lil Yachty selbst als "Bubblegum-Trap" beschrieben: mit der Stimmglättungssoftware Auto-Tune gesüßter, bis ins Lächerliche von Vocoder-Effekten verzerrter Sprech-Singsang mit infantilem Reimschema. Ist das noch richtiger Hip-Hop? Ja, schon, aber anders.

Lil Yachty, der seine Haare wie ein Basketball-Star der NBA in feuerroten Plastikperlen-Zöpfen trägt und grinst wie ein vorwitziger bekiffter Teenager, macht keinen Hehl daraus, dass er sich mit den alten Hip-Hop-Helden nicht auskennt. Über die Aussage, er könne keine fünf Songs von Tupac Shakur oder The Notorious B.I.G. nennen, wurde in den Staaten wochenlang hitzig debattiert. Ist das Anmaßung? Oder muss ein Rapper im Jahr 2017 den Back-Katalog von Künstlern, die schon tot waren, als er geboren wurde (1997, als Miles Parks McCollum im Bundesstaat Georgia), nicht mehr kennen? Lil Yachty hält zumindest sehr wenig von Ahnenverehrung. Lieber spinnt er sich schiefe Reime über Xanax, Sex und Geld zusammen. Beispiel: "My new bitch yellow / She blows dick like a cello", prahlt er im Track "Peek-A-Boo" (feat. Migos) über die Oralsexfertigkeiten seiner Freundin. Ein Cello blasen? Bei Jüngeren scheint er mit so einem Quatsch genau den Nerv zu treffen. Die Älteren schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Es riecht nach Revolution.

Kein einziger Gangsta-Spruch, kein Diss - alles bunte Rauschwelt

Dieser Eindruck erhärtet sich auch beim Hören des gesamten Albums. "Teenage Emotion" ist eine verwirrende, aber unterhaltsame Wundertrommel aus verwaschenem Südstaaten-Slang, drogenvernebelten Trap-Beats im Walzertempo, EDM- und Dancehall-Einflüssen und Popmelodien, die so süßlich sind, dass sie im Gehirn fast schmerzen.

Das bestmögliche Rap-Album zur schlimmstmöglichen Zeit

Mit "Damn" liefert Kendrick Lamar den endgültigen Beweis seiner Sonderklasse ab. Weiß er etwa, wie man den Teufelskreis des Immergleichen durchbricht? Von Jan Kedves mehr ...

Lil Yachty reitet den Zeitgeist. Seine Idee von Hip-Hop ist die konsequente Ablehnung alter Regeln, weswegen er auch Gender-Denken und Homophobie, die sonst im Hip-Hop üblich sind, ad acta legt. Alles soll bei ihm in eine bunte Rauschwelt münden, in der alles fließend und mehrdeutig und biegbar ist. Dazu gibt es wunderbar schräge Midtempo-R&B-Nummern wie "Bring It Back", das ein bisschen klingt, als singe einer dieser neuen, virtuellen Amazon-Lautsprecherassistenten um vier Uhr nachts betrunken einen Synthpop-Lovesong aus den Achtzigern. Es gibt zuckrige Reggae-Schunkler wie "Better" und mit "Made Of Glass" sogar seine Interpretation einer Powerballade.

Erstaunlich ist aber vor allem, dass es auf diesem Album keinen einzigen Gangsta-Spruch gibt, keinen Diss, der über den obligatorischen juvenilen Stinkefinger hinausgeht. Besonders der Refrain von "Priorities" hat das Zeug zur neuen Teenager-Hymne: "My priorities are fucked / I said fuck school / And fuck the rules / I'ma do whatever I want to" - mit anderen Worten: eh alles scheiße, ich mach, was ich will.

Natürlich ist das alles reichlich unpolitisch, wir haben es hier mit keinem neuen Kendrick Lamar zu tun. Man kann Lil Yachtys Musik mit Blick auf die Weltlage für albernen Eskapismus halten. Aber in der unverfrorenen Amateurhaftigkeit und der frechen Ignoranz gegenüber der Geschichte des Hip-Hop liegt eine ungeheure Kraft. Wie war das noch vor 40 Jahren? War das nicht auch genau das, was die alten Rock-Fans am Punk so verachteten? Damals wie heute war eine junge Generation gelangweilt von der Musik, die schon da ist, sie wollen etwas Eigenes. Für diese Menschen verändert Lil Yachty gerade den Hip-Hop.

Cro? "Den würde ich auch frühstücken, dieses Bürschlein"

Im Deutschrap verliert der Mann langsam seine Vormachtstellung. An Künstlerinnen wie Sookee zum Beispiel. Aber auch an Rapperinnen, die sexistischer sind als ihre Kollegen. Interview von Antonie Rietzschel mehr...