Streit um Verbot von "Baal" Wenn das Urheberrecht die Kunst einschnürt

"Baal" in Leipzig: Nuran David Calis inszeniert das Stück zwar comichaft knallig, aber wortgetreu. Sogar Brechts Szenenanweisungen blendet er ein.

(Foto: Rolf Arnold/Theater Leipzig)

Willkür oder Zensur? Frank Castorfs "Baal"-Inszenierung wurde wegen Urheberrechtsverletzung abgesetzt - die Version von Nuran David Calis in Leipzig darf gezeigt werden.

Von Christine Dössel

Klein und jämmerlich hockt er im Eck: der böse Baal, der asoziale. Das wilde, gefräßige Monstrum, niedergekauert wie ein verschrecktes Tier, das zur Schlachtbank geführt werden soll. In dem riesigen, weißen Kachelraum auf der Bühne des Leipziger Schauspiels sind blutige Metzgereien jederzeit denkbar. Hier, in diesem aseptisch gefliesten Guckkasten, lässt der Regisseur Nuran David Calis seine Version von Bertolt Brechts Erstling "Baal" spielen - nein, kein Regietheater-Gemetzel. Es handelt sich vielmehr um den ambitionierten Versuch, den Spagat hinzukriegen zwischen (be)dienender Werktreue und selbstbewusster künstlerischer Auslegung, in der Baal kein dichtender Selbstermächtigungs-Tyrann ist, sondern Opfer der Umstände. Außenseiter in einer comichaft überschminkten Dauerfaschingsgesellschaft, die in ihm, dem gefeierten Künstler, vor allem die Ware sieht, den Hipness-Faktor, das Label.

Ein Spagat, der dem Regisseur gelingt, wenn auch auf Kosten von Leidenschaft, Schmerz, Poesie. Es ist das extra kühle, dem "Baal" alles Schwitzende austreibende Konzept, das obsiegt. Szenisch in seiner sturen Mechanik oft quälend. Juristisch aber einwandfrei. Calis inszeniert auf seine Weise zwar einen Anti-"Baal", diesen aber wortgetreu.

Ein Inszenierungsverbot in Deutschland im Jahr 2015? Geht's eigentlich noch?

Das Prädikat "juristisch einwandfrei" hat sich Frank Castorfs "Baal"-Interpretation, die Mitte Januar am Münchner Residenztheater herauskam, nicht verdient. Weshalb sie Ende Februar wieder abgesetzt werden musste. Getreu seiner jüngsten Werkbiografie las der Berliner Theater-Dekonstruktivist das Drama im Kontext des europäischen Kolonialismus, schickte den maßlosen Titelhelden in die Drogenhölle des Vietnamkriegs, auf einen rauschhaft sich die Welt aneignenden Ego- und Eroberungstrip. "Baal" war die Textrampe für einen historisch-politisch viel größeren (Ent-)Wurf.

Der Suhrkamp-Verlag, der sich als Vertreter der Rechteinhaberin Barbara Brecht-Schall kleinmütig vor deren Karren spannen ließ, beantragte gegen die Inszenierung eine einstweilige Verfügung. Castorfs Anleihen bei Coppolas Film "Apocalypse now", seine Texteinsprengsel von Rimbaud, Verlaine, Ernst Jünger oder Frantz Fanon gingen der Brecht-Tochter zu weit: zu viel nicht autorisierter Fremdtext, zu wenig "Papas Geist". Darüber hätte man diskutieren können. Zum Beispiel nach jeder Vorstellung mit den Zuschauern. Dass die Inszenierung, eine der besten, aufregendsten der Saison, jedoch tatsächlich abgesetzt werden musste, weil das Verfahren vor dem Landgericht München mit einem Vergleich endete, der de facto einem Aufführungsverbot entspricht, ist empörend. Ein Inszenierungsverbot in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2015? Geht's eigentlich noch?

"Der Fall zeigt, wie sehr das Urheberrecht noch immer wie in Stein gemeißelt dasteht, obwohl es der heutigen Aufführungspraxis in keiner Weise mehr entspricht", sagt Rolf Bolwin, der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, den es als Theaterliebhaber "persönlich schmerzt", dass man Castorfs "Baal" nicht mehr sehen kann. Eine Reform des Urheberrechts sei überfällig: "Jetzt ist die Politik gefordert."

Suhrkamp schließt Vergleich mit Residenztheater

Zweimal darf "Baal" noch gezeigt werden - dann ist Schluss. Das hat ein Vergleich vor dem Münchner Landgericht ergeben. Der Suhrkamp Verlag hatte geklagt, weil Regisseur Frank Castorf das Brecht-Stück in seiner Inszenierung am Residenztheater zu stark verändert hatte. Von Egbert Tholl mehr ...

Das Urheberrecht schützt das geistige Eigentum eines Autors - eines Künstlers. Es gilt in Deutschland, wie in zahlreichen anderen Ländern, bis 70 Jahre nach seinem Tod und wird auf die Erben übertragen. Das ist grundsätzlich eine gute Sache: Die "Urheber" von Werken der Literatur, Wissenschaft und Kunst werden für ihre Schöpfungen belohnt mit unumstößlichen Persönlichkeits- und Verwertungsrechten.

Das freut auch die, denen Nutzungsrechte gegebenenfalls abgetreten werden: internationale Software-Konzerne, Musiklabels, Verlage. Im Zeitalter von Internet und digitalen Technologien geht es dabei, neben künstlerischen Fragen, um viel Geld - die Verteilungskämpfe zwischen globalen Netzplattformen und Medienunternehmen sind groß. Die damit einhergehenden Verwerfungen auch. Die aktuellen Urheberrechtsdebatten zeugen davon.