Sarrazins Buch ist dagegen eine jener Ideensammlungen, aus denen auch Michael Moore seine Bücher und Filme konstruiert. Das Modell liefern die Bestseller der angelsächsischen Ideenkultur. Diese teilen sich in die populären Bücher angesehener Wissenschaftler, wie des Evolutionsbiologen Jared Diamond oder des Anthropologen Richard Wrangham und die Gedankenspiele von Autoren wie Malcolm Gladwell, Steven Levitt und Stephen Dubner. Die Bücher funktionieren nach einer Methodik, die man eigentlich aus dem Kino kennt. Sie zielen auf ein Aha-Erlebnis. Im Film sind solche "Twists" und Pointen festgesetzte Standards, die in einem Drehbuch auf die Minute genau der Handlung eine neue Wendung geben müssen.
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Komplexe Zusammenhänge werden vereinfacht
In den Ideenbüchern sind es die unerwarteten, aber sofort nachvollziehbaren Gedanken, die beim Lesen einen unwiderstehlichen Sog entwickeln. Solche Ideen schaffen einen überschaubaren Kontext für komplexe Zusammenhänge. So erklärt Jared Diamond in "Untergang" die Gefahren für unsere Zivilisation am Beispiel untergegangener Gesellschaften wie des Mayareiches und der Osterinsel. Richard Wrangham betrachtet in "Feuer fangen" die Zivilisationsgeschichte über die Evolution der Ernährung.
Malcolm Gladwell beleuchtet in "Tipping Point" die Massenpsychologie der Konsumgesellschaft über Pop-Phänomene. Am erfolgreichsten spielen der Ökonom Steven Levitt und der Journalist Stephen Dubner mit diesem Prinzip in ihren Kolumnen und Büchern ("Freakonomics"), in denen sie aus zwei scheinbar unzusammenhängenden Phänomenen einen Schluss ziehen, der komplexe Zusammenhänge vereinfacht. So vergleichen sie eine Prostituierte mit einem Kaufhausnikolaus oder erklären, warum ein Selbstmordbomber eine Lebensversicherung abschließen sollte.
Es sind genau solche Vereinfachungen, mit denen Sarrazin arbeitet. So beschrieb er seine Methodik im Interview mit der Zeit als Dreisatz: "Unter Dreisatz versteht man, dass man aus zwei Tatsachen, die man nicht hinterfragt, eine logische Schlussfolgerung zieht: Die Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich. Die weniger Intelligenten vermehren sich schneller als der Durchschnitt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Intelligenz der Grundgesamtheit sinkt."
Doch gerade da greift sein Buch zu kurz. Zum einen, weil man die komplexen Probleme eines Landes nicht auf einen Dreisatz reduzieren kann. Zum anderen, weil sein Text nicht von der intellektuellen Lust am Gedankenspiel getrieben ist, sondern vom populistischen Instinkt, verborgene Ängste anzusprechen.
Es gehört zu seinen Aufgaben als Ökonom, solche Ängste aufzuspüren und sie zu definieren, sind es doch gerade Ängste, die den Markt beeinflussen. Ein guter Banker hat auch gelernt, Kontexte zu schaffen, um die Unwägbarkeiten des Marktes einzuschätzen. Doch wer nur Ergebnisse betrachtet, so wie Sarrazin die sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Statistiken in seinem Buch; wer also vollkommen antihistorisch argumentiert und zugleich meint, über Gewissheiten über die Zukunft zu verfügen, der verliert letztlich die Ursachen und komplexen Zusammenhänge aus dem Auge.
Die Aufregung um Sarrazin ist nach der Sloterdijk-Debatte und dem Streit um die Islamkritik nun schon der dritte Diskurs in jüngster Zeit, in dem sich Deutschland mit den gesellschaftlichen Veränderungen und ihren Problemen auseinandersetzt, die sich so viel schneller vollziehen, als Politik und Gesellschaft es wahrhaben wollen. Die Polemik wird in den nächsten Wochen auf beiden Seiten verschwinden. Die Probleme werden es nicht.
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- Sarrazin-Entscheidung Die große Angst 03.09.2010
- Thilo Sarrazin Abgekämpft und ausgelutscht 02.09.2010
- Vorstand beschließt Abberufung Bundesbank schafft Sarrazin ab 02.09.2010
- TV-Kritik: Maybrit Illner "Komm mir nicht mit der Mehrheit, Cem" 03.09.2010
- Thilo Sarrazin Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen... 31.08.2010
- Sarrazin und die Gene Das Geheimnis der jüdischen Intelligenz 08.09.2010
- Houellebecq: "La Carte et le Territoire" Vom Glück der Playmobilfiguren 07.09.2010
(SZ vom 03.09.2010/ls/kar/rus)
und ich bin enttäuscht.
So etwas im Literaturteil der SZ zu finden, hatte ich nicht erwartet.
Wenn Sarrazin tatsächlich die Ängste der Bildungsbürger bedient, dann mag ich mit denen nicht in einen Topf geworfen werden.
Wenn ein Sarrazin Angstmacher ist, kann es mit Bildung nicht weit her sein. Meiner Meinung nach heißt Bildung nicht schlicht hinnehmen, sondern vor allem Angebotenes auch kritisch zu hinterfragen. Tut man das bei Sarrazin, wirft man sein Buch auch entgegen jeglicher Gewohnheit ins Altpapier.
Als Münchner Bürger kann ich Ihre Beoachtungen und Thesen nur teilen.
"Selbst im türkischen Gemüseladen unterhält man sich überwiegend in Deutsch. "
Genau, und sagt Ciao beim Verabschieden ! ;)
„Sarrazinierung“ auch in München?
Die Thesen des Herrn Sarrazin laufen seit Wochen durch die Gazetten und man könnte sich doch als Münchner und Bewohner der Messestädter angesprochen fühlen bei der Höhe des Migrantenanteils hier. Doch die Wahrheiten der Messestadt und München wiedersprechen der Demagogie des noch Bundesbankers auf ganzer Linie. Schlimmer noch sie zeigen auf, dass der frühere Landespolitiker gegen seine Stadt Berlin Politik gemacht haben muss.
Die Messestadt hat einen sehr hohen Migrantenanteil wie ganz München, wie dies aus den Daten der Stadt hervorgeht. Die Messestadt gehört zur Spitze der Stadtviertel in München, dass insgesamt einen Migrantenanteil von 22,7 Prozent der Einwohner zählen kann. Berlin hat einen Anteil von 13,5%! Selbst des oft genannten Berliner Viertel Kreuzberg erreicht den durchschnittlichen Wert von München gerade. Die Messestadt für die wir noch keine genauen Zahlen kennen, außer dass auf dem München Portal, hier Migranten aus 130 Nationen leben, sonst ist nur der Wert des kompletten Berzirks 15 Trudering Riem mit knapp über 20% angegeben. Den größten Anteil in München weist Milbertshofen-Hart mit 35% auf, doch wird die Zahl in der Messestadt nicht weit davon liegen.
Dies zeigt zwar die Defizite auf, über die seit Jahrzehnten auf politischer Ebene diskutiert zweifellos gibt, aber keinesfalls das Extrem, dass Herr Sarrazin beschreibt.
Die Messestadt ist anders.
Ein wichtiger Grundstein zur Integration ist der Vielfallt der Nationen die es in der Messestadt gibt, wie die überaus gute Verteilung der städtebaulichen Maßnahmen. Vom Eigentum bis zur geförderten Mietwohnung ist alles in der Messestadt zu finden. Oft sind alle Wohnmodelle in einem Straßenzug zu finden. Zugleich hat sich in der Messestadt eine hohe Infrastruktur zur Integration aufgebaut an der sich Migranten wie Bürger mit deutschem Pass rege beteiligen.
Dies ergibt einen hohen sozialen Zusammenhalt und das Miteinander über die Grenzen des Geldstatus hinaus. Kommunikationsprobleme werden durch die verschiedenen, aus 130 Nationen stammenden Sprachen mit der Deutschen Sprache überwunden, die in vielen Sprachkursen gefördert wird. In den Schulen spricht man „zwangsweise“ Deutsch, da in einer Klasse nicht nur Deutsche und Schüler einer Nation lernen, sondern Deutsche mit vielen sprachlich unterschiedlicher Nationen. Selbst im türkischen Gemüseladen unterhält man sich überwiegend in Deutsch.
Modernes Denken
Dass der Anteil an Bürgern groß sein muss in der Messestadt und München, die den Globalisierungsprozess nicht nur für die Wirtschaft sehen, sondern auch für den Menschen die, die diese weltweit agierenden erst Lebensfähig machen, bringt das Leben in dem Integrationsprozess, dass aus der Theorie die Praxis entstehen lässt.
Friede, Freude, Eierkuchen?
Sicher ist hier nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Auch hatte die Messestadt Glück in einer Zeit zu entstehen, als bei Landes- und Kommunalpolitiker getrieben durch die EU Integrationsprogramme Geldmittel freigab das Miteinander zu fördern. Doch insgesamt ist von Sarrazins Thesen hier nichts zu finden. Auch auf ganz München übersetzt kann man nur wenig Übereinstimmung an den Ansichten des Herrn Dr. Sarrazin finden, außer den Stadtvierteln die aus der Steinzeit der Integration übrig geblieben sind.
Warum nicht schon 2001 Herr Sarrazin
Da dieser Mann selbst in der Zeit des entstehen der Messestadt Landespolitiker war taucht die Frage auf ob nicht das Versäumnis dieser Politiker die Problematiken schürten die diese heute anprangern.
ist doch gar nicht wichtig. Er hat selbst spaeter eingeraeumt, vielleicht spontan etwas zu unpraezise formuliert zu haben.
Was die Medien und die Reaktionen daraus machen, weil sie den Herrn Sarrazin brandmarken und missverstehen WOLLEN, das ist der laecherliche Vorgang.
In Wahrheit ging es Sarrazin doch um genau den von mir formulierten Sachverhalt.
Und dass so hysterisch reagiert wird, wenn jemand ungeheuerlicherweise darauf hinweist, begabtere Eltern haetten im Durchschnitt auch begabtere Kinder, das zeigt doch: Die ideologische Verkleisterung des Denkens - bei Journalisten, Politikern, Buergern - verhindert eine sachgerechte Beurteilung von Problemen, auch solchen der Demografie und Zuwanderung.
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