Die Kraft des stimmigen Weltbilds: Thilo Sarrazin bedient mit seinem Buch die Ängste der Bildungsbürger. Dabei nutzt er die verführerische Logik der Demagogie, imitiert die Muster amerikanischer Bestseller - und erinnert zum Beispiel an Michael Moore.
Das Gütesiegel für jede populistische Debatte ist der Satz: "Endlich sagt's mal einer." Hat man nun oft gehört und gelesen im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte. Keineswegs an einem jener ominösen Stammtische, die man immer dann heraufbeschwört, wenn man eine Debatte diskreditieren will, sondern etwa im Parkett des Münchner Gasteigs vor einem Konzert der Münchner Philharmoniker. Und das auch nicht in diesen Tagen, sondern schon vor mehreren Monaten. Der Nerv, den Thilo Sarrazin mit seinem inzwischen legendären Interview in der Zeitschrift Lettre getroffen hat, spiegelt keineswegs ein untergründiges rechtes Raunen in den Abgründen des kollektiven Unterbewusstseins.
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Sarrazins schön stimmige Thesen treffen einen Nerv in der Bevölkerung, nicht nur an Stammtischen. Die von ihm angestoßene Debatte hat längst das Gütesiegel "Endlich sagt's mal einer" bekommen. Im Dresdner Landtag entreißt ein Saaldiener am Mittwoch, 1. September 2010, einem NPD-Abgeordneten ein Pro-Sarrazin-Plakat. (© dapd)
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Was Sarrazin anspricht, das sind die Ängste des Bildungsbürgertums. Er ist auch mitnichten der erste, der diese Ängste anspricht. "Deutschland schafft sich ab" führt letztlich die Debatte fort, die der Philosoph Peter Sloterdijk im vergangen Jahr mit seinem Essay "Aufbruch der Leistungsträger" angestoßen hat. Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken.
Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker. Der eine sucht nach größeren Zusammenhängen und ihren Ursachen, der andere sucht nach dem Kontext für ein mögliches Ergebnis.
Momentan konzentriert sich die Debatte auf die drei großen Schwachpunkte in Sarrazins Text: die Ethnisierung eines Klassenproblems; die eugenische Betrachtung eines Bildungsproblems; und die segregationistische Behandlung des Integrationsproblems. Man kann aber die inhaltlichen Schwierigkeiten des Buches auch außen vor lassen, die all jenen liberalen Widerwillen auslösen, mit dem man ihm in diesen Tagen begegnet. Untersucht man die Gründe für den furiosen Erfolg seiner Thesen und seines Buches, so stößt man rasch auf ein rhetorisches Muster, das man in den Debatten anderer Länder häufig, hierzulande aber noch selten findet.
Was Thilo Sarrazin in seinem Buch konstruiert, ist ein in sich stimmiges Weltbild, das von der verführerischen Logik der Demagogie getragen wird. Das ist als solches keine ideologische Domäne der Rechten. Der dezidiert linke amerikanische Dokumentarfilmer und Buchautor Michael Moore beherrscht diese Technik beispielsweise wie nur wenige. Was solch eine Logik zunächst einmal schafft, ist eine unumstößliche Souveränität, denn es zwingt jeden Debattengegner, in diese Logik von außen hinein zu sticheln. Wer souverän ist, der kann sich dazu noch den Luxus des Humors leisten. Da mag Sarrazin seine Defizite haben, doch wer Souveränität und Humor gegen Moral und differenzierte Argumentation ins Feld führen kann, ist rhetorisch im Vorteil. Kein Wunder, dass die moralische Seite der Debatte als Gegenargumente nur Ausschluss und Rauswurf ins Feld führt.
Die Grundlage derartiger Suggestionen ist entweder eine enzyklopädisch-eklektische Ideensammlung oder die eigene Erfahrung. Aus den eigenen Erfahrungen an den Frontlinien der Integrationsproblematik hat beispielsweise die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ihr Buch "Das Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" gemacht, das in dieser Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht, auf der Sarrazin den zweiten Platz belegt. Auch Heisig wurde eine rechts-autoritäre Position vorgeworfen, da sie einen harten Umgang mit straffälligen Jugendlichen vor allem in den Einwanderergemeinden der Republik forderte. Weil sie ihre Schlussfolgerungen jedoch mit einer so geballten Empirie untermauerte, gilt ihr Urteil als unanfechtbar. Und wie Sarrazin sprach sie eine diffuse Angst in Deutschland an, die hier eine Antwort findet.
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Er will kein Anführer sein, gilt aber als solcher: David Graeber über Schulden, die USA und die Gründe für den Erfolg der Occupy-Bewegung. Feuilleton. Jetzt lesen ...
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und ich bin enttäuscht.
So etwas im Literaturteil der SZ zu finden, hatte ich nicht erwartet.
Wenn Sarrazin tatsächlich die Ängste der Bildungsbürger bedient, dann mag ich mit denen nicht in einen Topf geworfen werden.
Wenn ein Sarrazin Angstmacher ist, kann es mit Bildung nicht weit her sein. Meiner Meinung nach heißt Bildung nicht schlicht hinnehmen, sondern vor allem Angebotenes auch kritisch zu hinterfragen. Tut man das bei Sarrazin, wirft man sein Buch auch entgegen jeglicher Gewohnheit ins Altpapier.
Als Münchner Bürger kann ich Ihre Beoachtungen und Thesen nur teilen.
"Selbst im türkischen Gemüseladen unterhält man sich überwiegend in Deutsch. "
Genau, und sagt Ciao beim Verabschieden ! ;)
„Sarrazinierung“ auch in München?
Die Thesen des Herrn Sarrazin laufen seit Wochen durch die Gazetten und man könnte sich doch als Münchner und Bewohner der Messestädter angesprochen fühlen bei der Höhe des Migrantenanteils hier. Doch die Wahrheiten der Messestadt und München wiedersprechen der Demagogie des noch Bundesbankers auf ganzer Linie. Schlimmer noch sie zeigen auf, dass der frühere Landespolitiker gegen seine Stadt Berlin Politik gemacht haben muss.
Die Messestadt hat einen sehr hohen Migrantenanteil wie ganz München, wie dies aus den Daten der Stadt hervorgeht. Die Messestadt gehört zur Spitze der Stadtviertel in München, dass insgesamt einen Migrantenanteil von 22,7 Prozent der Einwohner zählen kann. Berlin hat einen Anteil von 13,5%! Selbst des oft genannten Berliner Viertel Kreuzberg erreicht den durchschnittlichen Wert von München gerade. Die Messestadt für die wir noch keine genauen Zahlen kennen, außer dass auf dem München Portal, hier Migranten aus 130 Nationen leben, sonst ist nur der Wert des kompletten Berzirks 15 Trudering Riem mit knapp über 20% angegeben. Den größten Anteil in München weist Milbertshofen-Hart mit 35% auf, doch wird die Zahl in der Messestadt nicht weit davon liegen.
Dies zeigt zwar die Defizite auf, über die seit Jahrzehnten auf politischer Ebene diskutiert zweifellos gibt, aber keinesfalls das Extrem, dass Herr Sarrazin beschreibt.
Die Messestadt ist anders.
Ein wichtiger Grundstein zur Integration ist der Vielfallt der Nationen die es in der Messestadt gibt, wie die überaus gute Verteilung der städtebaulichen Maßnahmen. Vom Eigentum bis zur geförderten Mietwohnung ist alles in der Messestadt zu finden. Oft sind alle Wohnmodelle in einem Straßenzug zu finden. Zugleich hat sich in der Messestadt eine hohe Infrastruktur zur Integration aufgebaut an der sich Migranten wie Bürger mit deutschem Pass rege beteiligen.
Dies ergibt einen hohen sozialen Zusammenhalt und das Miteinander über die Grenzen des Geldstatus hinaus. Kommunikationsprobleme werden durch die verschiedenen, aus 130 Nationen stammenden Sprachen mit der Deutschen Sprache überwunden, die in vielen Sprachkursen gefördert wird. In den Schulen spricht man „zwangsweise“ Deutsch, da in einer Klasse nicht nur Deutsche und Schüler einer Nation lernen, sondern Deutsche mit vielen sprachlich unterschiedlicher Nationen. Selbst im türkischen Gemüseladen unterhält man sich überwiegend in Deutsch.
Modernes Denken
Dass der Anteil an Bürgern groß sein muss in der Messestadt und München, die den Globalisierungsprozess nicht nur für die Wirtschaft sehen, sondern auch für den Menschen die, die diese weltweit agierenden erst Lebensfähig machen, bringt das Leben in dem Integrationsprozess, dass aus der Theorie die Praxis entstehen lässt.
Friede, Freude, Eierkuchen?
Sicher ist hier nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Auch hatte die Messestadt Glück in einer Zeit zu entstehen, als bei Landes- und Kommunalpolitiker getrieben durch die EU Integrationsprogramme Geldmittel freigab das Miteinander zu fördern. Doch insgesamt ist von Sarrazins Thesen hier nichts zu finden. Auch auf ganz München übersetzt kann man nur wenig Übereinstimmung an den Ansichten des Herrn Dr. Sarrazin finden, außer den Stadtvierteln die aus der Steinzeit der Integration übrig geblieben sind.
Warum nicht schon 2001 Herr Sarrazin
Da dieser Mann selbst in der Zeit des entstehen der Messestadt Landespolitiker war taucht die Frage auf ob nicht das Versäumnis dieser Politiker die Problematiken schürten die diese heute anprangern.
ist doch gar nicht wichtig. Er hat selbst spaeter eingeraeumt, vielleicht spontan etwas zu unpraezise formuliert zu haben.
Was die Medien und die Reaktionen daraus machen, weil sie den Herrn Sarrazin brandmarken und missverstehen WOLLEN, das ist der laecherliche Vorgang.
In Wahrheit ging es Sarrazin doch um genau den von mir formulierten Sachverhalt.
Und dass so hysterisch reagiert wird, wenn jemand ungeheuerlicherweise darauf hinweist, begabtere Eltern haetten im Durchschnitt auch begabtere Kinder, das zeigt doch: Die ideologische Verkleisterung des Denkens - bei Journalisten, Politikern, Buergern - verhindert eine sachgerechte Beurteilung von Problemen, auch solchen der Demografie und Zuwanderung.
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