Sarrazin und die Rhetorik Endlich sagt's mal einer

Die Kraft des stimmigen Weltbilds: Thilo Sarrazin bedient mit seinem Buch die Ängste der Bildungsbürger. Dabei nutzt er die verführerische Logik der Demagogie, imitiert die Muster amerikanischer Bestseller - und erinnert zum Beispiel an Michael Moore.

Von Andrian Kreye

Das Gütesiegel für jede populistische Debatte ist der Satz: "Endlich sagt's mal einer." Hat man nun oft gehört und gelesen im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte. Keineswegs an einem jener ominösen Stammtische, die man immer dann heraufbeschwört, wenn man eine Debatte diskreditieren will, sondern etwa im Parkett des Münchner Gasteigs vor einem Konzert der Münchner Philharmoniker. Und das auch nicht in diesen Tagen, sondern schon vor mehreren Monaten. Der Nerv, den Thilo Sarrazin mit seinem inzwischen legendären Interview in der Zeitschrift Lettre getroffen hat, spiegelt keineswegs ein untergründiges rechtes Raunen in den Abgründen des kollektiven Unterbewusstseins.

Was Sarrazin anspricht, das sind die Ängste des Bildungsbürgertums. Er ist auch mitnichten der erste, der diese Ängste anspricht. "Deutschland schafft sich ab" führt letztlich die Debatte fort, die der Philosoph Peter Sloterdijk im vergangen Jahr mit seinem Essay "Aufbruch der Leistungsträger" angestoßen hat. Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken.

Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker. Der eine sucht nach größeren Zusammenhängen und ihren Ursachen, der andere sucht nach dem Kontext für ein mögliches Ergebnis.

Momentan konzentriert sich die Debatte auf die drei großen Schwachpunkte in Sarrazins Text: die Ethnisierung eines Klassenproblems; die eugenische Betrachtung eines Bildungsproblems; und die segregationistische Behandlung des Integrationsproblems. Man kann aber die inhaltlichen Schwierigkeiten des Buches auch außen vor lassen, die all jenen liberalen Widerwillen auslösen, mit dem man ihm in diesen Tagen begegnet. Untersucht man die Gründe für den furiosen Erfolg seiner Thesen und seines Buches, so stößt man rasch auf ein rhetorisches Muster, das man in den Debatten anderer Länder häufig, hierzulande aber noch selten findet.

Was Thilo Sarrazin in seinem Buch konstruiert, ist ein in sich stimmiges Weltbild, das von der verführerischen Logik der Demagogie getragen wird. Das ist als solches keine ideologische Domäne der Rechten. Der dezidiert linke amerikanische Dokumentarfilmer und Buchautor Michael Moore beherrscht diese Technik beispielsweise wie nur wenige. Was solch eine Logik zunächst einmal schafft, ist eine unumstößliche Souveränität, denn es zwingt jeden Debattengegner, in diese Logik von außen hinein zu sticheln. Wer souverän ist, der kann sich dazu noch den Luxus des Humors leisten. Da mag Sarrazin seine Defizite haben, doch wer Souveränität und Humor gegen Moral und differenzierte Argumentation ins Feld führen kann, ist rhetorisch im Vorteil. Kein Wunder, dass die moralische Seite der Debatte als Gegenargumente nur Ausschluss und Rauswurf ins Feld führt.

Die Grundlage derartiger Suggestionen ist entweder eine enzyklopädisch-eklektische Ideensammlung oder die eigene Erfahrung. Aus den eigenen Erfahrungen an den Frontlinien der Integrationsproblematik hat beispielsweise die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ihr Buch "Das Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" gemacht, das in dieser Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht, auf der Sarrazin den zweiten Platz belegt. Auch Heisig wurde eine rechts-autoritäre Position vorgeworfen, da sie einen harten Umgang mit straffälligen Jugendlichen vor allem in den Einwanderergemeinden der Republik forderte. Weil sie ihre Schlussfolgerungen jedoch mit einer so geballten Empirie untermauerte, gilt ihr Urteil als unanfechtbar. Und wie Sarrazin sprach sie eine diffuse Angst in Deutschland an, die hier eine Antwort findet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Sarrazin und Michael Moore gemeinsam haben.