Debatte um Qualität im TV Haltung gesucht

Die Reaktionen auf Reich-Ranicki zeigen, wie unfähig das Fernsehen ist, sich über Qualität auseinanderzusetzen. Wortführer, die nicht ihr Ego in den Vordergrund stellen, sind schwer zu finden.

Von Christopher Keil

Am vergangenen Freitag wurde in Frankfurt der Hessische Film- und Kinopreis verliehen. Nicht alles hätte Marcel Reich-Ranicki an dieser Veranstaltung gefallen, die Ausschnitte beispielsweise nicht, mit denen die ausgezeichneten Leistungen vorgestellt wurden. Denn aus den knappen Trailern, so Reich-Ranicki nach seiner Erfahrung beim Deutschen Fernsehpreis vor einer Woche, werde man ja doch nicht schlau.

Tatsächlich wäre es eine Aufgabe, die Zuspieler auf Verständnis, möglicherweise auch auf eine um Sekunden erweiterte neue Mindestzeit zu bringen, so dass alle, die nicht jedes der geehrten Programme sehen konnten, sich besser ins Bild gesetzt fühlen. Unmöglich, würden die Sender und Organisatoren reflexhaft einwenden, weil die ohnehin chronisch überlangen Preisverleihungen dann noch länger würden.

Während die Preisträger Freitagabend in der Frankfurter Oper - einem Ort, der Reich-Ranicki sehr zugesagt hätte - verpflegt und bei Laune gehalten wurden, zeigte das ZDF sein Spezial "Aus gegebenem Anlass". Thomas Gottschalk hatte, nach Reich-Ranickis Weigerung, den Deutschen Fernsehpreis anzunehmen, ein Treffen vor Kameras angeregt, um mit Reich-Ranicki über die Qualität des Fernsehens zu sprechen.

Elke Heidenreich, die mit Elan die Debatte über den Mangel an Qualität in der deutschen Fernsehlandschaft aufgegriffen hat, schrieb über die halbe Stunde mit Reich-Ranicki und Gottschalk: "Total überflüssig", der Alte sei "unbeugsam" geblieben, der Junge werde "überschätzt".

Dabei waren die 30 Minuten nicht uninteressant, und es kam Reich-Ranicki gar nicht so sehr darauf an, zu bestätigen, dass er unbeugsam bleibt. Im Wesentlichen appellierte er, von Gottschalk - da wohl in überflüssiger Weise - in die Geheimnisse des modernen Fernsehmanagements eingeweiht, an "diese Intendanten, Fernsehdirektoren und Abteilungsleiter", sich mehr Mühe zu geben.

Um zu erkennen, wie wenig Mühe sich das Fernsehen gibt, reichte eine zweistündige Leidenszeit beim Deutschen Fernsehpreis 2008 völlig aus. Reich-Ranicki, der 88-jährige Literaturfachmann, hat sich nicht einmal zu dem TV-Experten gemacht, der er nicht ist - auch das wurde in den 30 Minuten klar, die er mit Gottschalk im Wiesbadener Kurhaus redete.

Die Fernsehbranche hat auf unterschiedliche Weise auf ihn reagiert. Entrüstet, wie Vertreter der privaten Kanäle, schweigend, wie die meisten fürs Öffentlich-Rechtliche Verantwortlichen. Eine Intendantin wünschte sich eine Qualitätsdiskussion - bei den Privaten. Also, keine Reaktion hatte das Niveau, auf dem sich das Fernsehen wähnt und auf das es sich Reich-Ranicki wünscht, auch nicht die Reaktion von Elke Heidenreich.

In zwei Texten für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat sie, die Basstrommel der Intelligentia, dafür etwas ganz Anderes, sehr Erstaunliches geschafft. Auf exterritorialem Gebiet, das die gedruckte FAZ-Seite ihr bietet, wandelt sich die ZDF-Moderatorin der Literatursendung Lesen zur Fernsehkritikerin, die ihre Argumente allerdings streng innerhalb der für das heutige Fernsehen gültigen Kriterien (u.a. Quote) vorträgt - was sich am Beispiel der angeblich gegen ihren Willen ausgesprochenen Einladung Thomas Gottschalks in ihre Dezembersendung zeigt ("Weil Gottschalk aber ein bekanntes Fernsehgesicht ist...").

Heidenreich beansprucht also als Moderatorin die "Objektivität" der Kritik, und weil sie sich für das ZDF schämt, wie sie verbreitet, übernimmt sie zusätzlich noch die Rolle der Intendantin, die die Verlängerung ihres zum Jahresende auslaufenden Moderatorenvertrages beschließt. Denn: "Wir sind im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Bildungs- und Kulturauftrag." Es gehe nicht an, Lesen "nun für noch eine Kochshow aus dem Programm zu werfen".

Abgesehen davon, dass das ZDF den Fortbestand einer Literatursendung bestätigt und lediglich offen lässt, von wem sie geleitet werden soll: Ist nicht Heidenreich, die so schöne Bücher geschrieben und so komische Rollen im Fernsehen erfunden hat, auch eine TV-Köchin? Taucht den Löffel in die Bücher, zieht ihn heraus und ruft: Wunderbar! Oder: Bähhh!

Was von Reich-Ranicki auf jeden Fall bleibt, ist die Gewissheit, dass das Fernsehen eine Auseinandersetzung über seine Qualität nötig hat. Am Sonntag blendete die ARD die Rede Anselm Kiefers aus, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, um pünktlich mit dem Presseklub zu beginnen. Geringer kann man Kultur nicht mehr schätzen. Jeder Show, jedem Fußballspiel wird Überziehung gestattet.

Doch wie jede Auseinandersetzung bräuchte diese jetzt kluge Wortführer, die nicht ihr Ego in den Vordergrund stellen, die sich nicht hinter dem Publikum verschanzen und nicht beleidigt auf gute Sendungen verweisen, die es ja gibt. Es geht um Haltung. Etwas, das auf allen Seiten nur noch schwer zu finden ist.

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