Debatte um Peter Sloterdijk Sloterdijk wettert gegen "unverantwortliche Journalisten"

In Peter Sloterdijks "Mein Frankreich" versammeln sich viele kleine Texte zu einer Anthologie, deren Anspruch sich hoch hinaufschwingt.

(Foto: dpa)

Nach den Reaktionen auf seine kritischen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik fürchtet Philosoph Peter Sloterdijk um die hiesige Debattenkultur. In München übt er Medienkritik - und wirkt wie ein müder Krieger.

Von Michael Stallknecht

"Das war jetzt ein Privatgespräch", sagt Peter Sloterdijk irgendwann an dem Abend im Münchner Literaturhaus, als er gerade nicht ins Mikrofon spricht, "aber das macht nichts." Dabei sind die Erwartungen an ein öffentliches Gespräch mit Deutschlands prominentestem Philosophen aktuell besonders hoch. Schließlich hatte Sloterdijk in den letzten Wochen alles andere als nur Privatgespräche geführt. Im Magazin Cicero war er hart mit der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin ins Gericht gegangen: "Die deutsche Regierung", sagte er im Interview, "hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben."

Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler kritisierte Sloterdijk scharf, der Philosoph Richard David Precht warf ihm sogar "Nazi-Jargon" vor. In der am Donnerstag erschienenen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit hat nun wiederum Sloterdijk reagiert. An der Metapher von der "Flutung" und der "bejahten Überrollung" hält er darin fest. Doch zielt der Artikel insgesamt mehr auf eine Metaebene. In eigener Sache kritisiert Sloterdijk eine "Debattenkultur", die er nur noch in Anführungszeichen, als ihr eigenes Zitat sich abrollen sieht.

Die Öffentlichkeit ist überhitzt, sagt Sloterdijk

Zu reflexhaft funktioniert ihm inzwischen das öffentliche Gespräch in Deutschland, zu absehbar in seinen Reaktionen. In der Öffentlichkeit herrsche inzwischen eine Überhitzung, "wie man sie seit den Tagen der RAF-Bekämpfung in den späten Siebzigern nicht mehr gekannt hatte". In der "Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse" sieht Sloterdijk in allen politischen Lagern aktuell eine Primitivierung und Barbarisierung am Werk, bei der unter kultivierten Masken plötzlich archaische Reflexe durchblickten. Den eigenen Kritikern wirft er darum vor, sich nach den Aussagen im Cicero wie Pawlowsche Hunde auf ihn gestürzt zu haben.

Für einen derart debattenerfahrenen und der lustvollen Polemik kaum abgeneigten Sprecher wie Peter Sloterdijk ist das eine bemerkenswert dünnhäutige Reaktion. Positiv formuliert, könnte man sagen: eine authentisch menschliche Reaktion. Ganz ohne die gewohnte Ironie sucht Sloterdijk sich und zugleich den langjährigen Mitstreiter Rüdiger Safranski, der sich in der Flüchtlingsdebatte ähnlich positioniert hatte, aus dem Zwielicht zu ziehen. Er nennt sich und ihn "linkskonservativ".

Den Auftritt am Donnerstagabend in München darf man da als Fortsetzung begreifen. Konkrete weitere Kritik an der Flüchtlingspolitik äußert Sloterdijk nicht. Eher kreist er die Aktualität in weiten ideengeschichtlichen Bahnen ein, die freilich auch einen inzwischen gesteigerten Pessimismus gegenüber der eigenen Gegenwart verraten. Der Lust am provokanten Querschuss gibt er dafür selten nach, obwohl das Publikum merklich darauf lauert. Jedenfalls erntet Sloterdijk rasch Beifall, als er sich in Medienkritik übt. Ebenso dringend wie die Flüchtlinge, spottet er, bräuchten die Journalisten einen Deutschkurs. Nichts hätten sie gelesen von all den Büchern, die die aktuellen Umbrüche seit Langem voraussagten.

Er wirkt müde, wie ein heimgekehrter Krieger. Funktioniert das Gespräch zwischen Intellektuellen und Öffentlichkeit tatsächlich nicht mehr?

Sloterdijk hat es von jeher nicht an dem Selbstbewusstsein gemangelt, in solchen Fällen auch die eigenen Bücher mitzumeinen. "Was geschah im 20. Jahrhundert?" heißt sein neues, das dieser Tage erscheint, eine Überarbeitung älterer Essays und Reden. Darunter auch eine über Globalisierung als Migrationsbewegung, aus der Sloterdijk in München liest. Seien die Europäer seit der Renaissance die "Hinfahrer par excellence im Globalisierungsprozess" gewesen, heißt es in dem Text, dann befänden sie sich nun in einer Phase, "in der auch die anderen das Hin- und Herfahren ebenso gut gelernt hätten wie wir selbst".

Migration erweist sich so für Sloterdijk schon lange als "ein neues Realitätsprinzip", das freilich zunächst eine starke "immunologische" Reaktion hervorrufe. Denn dabei gelte es, "Nationalmenschen in Postnationalmenschen zu transformieren". Live in München fügt er noch an, die Europäer hätten überhaupt noch keine Vorstellung, was da eigentlich auf sie zukomme. Zwei Milliarden Menschen seien aktuell weltweit migrationsbereit. Doch das wollten "unverantwortliche Journalisten ignorieren, weil sie origineller sein wollen als die klügsten Köpfe dieses Landes".

Es ist die Klage, die Sloterdijk auch in seinem Zeit-Beitrag führt: um eine "Tendenz zur Entkulturalisierung", unter der die Nuancen begraben würden. Stattdessen plädiert er für eine Rückkehr des öffentlichen Diskurses zum "intellegere", zum "Lesen in Zwischenräumen". Dass auch ihm das nicht immer gelingt, zeigten ein paar ziemlich nuancenfreie Bemerkungen zum Thema Islam in München. Die Vorstellung von 72 Jungfrauen für jeden Mann im Paradies seien "Transzendentalpornografie" fürs Männermagazin. Diskursiv belastbarer ist da schon die generelle Monotheismuskritik, die er anfügt. "Heiliger Terror" liege "in der Grammatik von Religion". Auch im christlichen Europa habe sich dieser Terror nur deshalb auf bestimmte Zeiten beschränkt, weil man die "Religion oft nicht ernst genommen habe" beziehungsweise aktuell binnenpluralistisch aufzubrechen versuche.

Dass Sloterdijk mehr an diesem Abend nicht preisgibt, liegt wohl auch an den schwammigen Fragen des Moderators Manfred Osten. Ein Journalist hätte dem Abend also durchaus gutgetan. Aber auch Sloterdijk wirkt diesmal eigentümlich müde, ein Krieger auf der Rückkehr vom rohen Schlachtfeld der konkreten Debatte, ein Melancholiker, der sich nur mühsam noch zu ein paar zynischen Sottisen aufrafft. Funktioniert hier am Ende das Gespräch zwischen dem Philosophen und einer zweifellos lauter gewordenen Öffentlichkeit tatsächlich nicht mehr? Wäre der Intellektuelle ein Auslaufmodell, zum wissenden Schweigen verdammt? Oder hat sich Sloterdijk nur in einer Wagenburg verschanzt, aus der er gerade nicht ganz ohne Schaden herauskommt?