Entscheidend ist, dass Schirrmacher die Frage nach der Dimension des Problems überhaupt nicht erörtert, um ungestört zu der Forderung voranschreiten zu können: "Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt." Diese Sätze sind skandalös.

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Maßlose Dramatisierung

Sie schreiben der Minderheit gewalttätiger ausländischer Jugendlicher in Deutschland das Potential zu, Menschheitsverbrechen hervorzubringen, die denen des Stalinismus und Nationalsozialismus im zwanzigsten Jahrhundert ebenbürtig sind. Damit ist das Problem, um das sich diese Debatte dreht, in die größtmögliche Dimension katapultiert. Nun geht es um die Transformation der deutschen Nachkriegsdemokratie in ein totalitäres System, aus den Schlägern, die den Rentner in München verprügelten, sind die Vorboten von Bürgerkrieg und Ausnahmezustand geworden.

Die deutsche Mehrheitsbevölkerung insgesamt rückt so in die Position des Münchner Rentners, und das in der Debatte über die deutschen Schläger überwunden geglaubte Unsitte des Antifaschismus, stets die Rhetorik der größtmöglichen Bedrohung einzusetzen, kehrt unter veränderten Vorzeichen zurück. Das ist gefährlich, weil es die rhetorischen Koordinaten der Debatte selbst berührt. Es ermuntert die maßlose Dramatisierung des Problems und setzt zugleich die Hemmschwelle für den Vorwurf der Bagatellisierung herab.

Dabei besteht derzeit kein Mangel an Übertreibungen, und der Grund dafür ist nicht nur der vielzitierte Wahlkämpfer Roland Koch in Hessen. Der Grund liegt auch in jener Dynamik, die Marschall McLuhan einmal die "Kreuzung und Hybridisierung von Medien" genannt hat.

Durch sie, so seine These "werden gewaltige neue Kräfte und Energien frei, ähnlich wie bei der Kernspaltung oder der Kernfusion". Wie gewaltig die Kräfte sind, die "ein Medium verwenden kann, um die Kraft eines andern zur Entfaltung zu bringen", ist noch ungeklärt. Aber dass unsere Öffentlichkeit stark von der wechselseitigen Durchdringung klassischer, neuer und eben erst geborener Medien geprägt wird, und dass auf diese Weise in Debatten wie dieser neue Gesetze der Entfaltung und Zirkulation von Energien gelten, ist offenkundig.

Größte Wirkung in der Bild-Zeitung

Schirrmachers Artikel ist dafür selbst das beste Beispiel. Er entstand in einem klassischen Printmedium, einer großen, intellektuell anspruchsvollen Tageszeitung. Und er war im Kern die Replik auf eines der jüngsten Medien, den Videoblog prominenter Journalisten.

In einem solchen Blog hatte der Feuilleton-Chef der Zeit Jens Jessen, der in diesem Medium offenkundig fremdelte, einen Kommentar zum Überfall auf den Münchner Rentner publiziert, der die These erwog, die Intoleranz der deutschen Mehrheitsgesellschaft und nicht zuletzt die Figur des ermahnenden, einschränkenden Rentners sei ein Glied in der Ursachenkette der Auslösung von Gewalttaten ausländischer Jugendlicher.

Dagegen hatte Schirrmacher in seiner Replik leichtes Spiel. Aber nicht in der FAZ dürfte sein Artikel die größte Wirkung erzielt haben, sondern in der Bild-Zeitung, die ihn am nächsten Tag unautorisiert in langen Auszügen nachdruckte. Dort wirkte er wie ein Gutachten, das die vom Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner verlangte Einweisung Jessens ins Dschungelcamp und die Forderung nach seiner Entlassung durch die Zeit untermauerte.

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(SZ vom 18.1.2008/kur)