Von Lothar Müller

Frank Schirrmacher spitzt die Debatte mit seiner Reaktion auf den Videoblog von Jens Jessen unnötig zu. Statistiken zeigen: Es besteht kein Grund, muslimische Jugendliche unter Generalverdacht zu stellen.

Was ist das Entscheidende am ausländischen Jugendlichen, der auf einen deutschen Rentner einprügelt: dass er prügelt? Dass sein Opfer ein Deutscher ist? Oder dass er Ausländer ist? Aus der Perspektive des Rechtsstaats wie der Zivilgesellschaft ist das Entscheidende, dass er prügelt. Dasselbe gilt für einen deutschen Jugendlichen, der auf einen Ausländer einprügelt: auch hier ist das Entscheidende, dass er prügelt. Durch diese Gemeinsamkeit geraten beide, wenn sie gefasst werden, in die Statistik gewalttätiger Jugendlicher in Deutschland.

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Rhetorik größtmöglicher Bedrohung: Frank Schirrmacher ermuntert zur Dramatisierung. (© Foto: ddp)

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Der gegenwärtigen Debatte sind nicht nur dort, wo Wahlkämpfe geführt werden, die gewalttätigen deutschen Jugendlichen auffällig schnell abhanden gekommen. Noch vor Monaten war von ihren Überfällen auf Ausländer und von den jungen Hooligans, die in den Stadien Sachsens randalierten, viel die Rede.

Das ist nicht deshalb befremdlich, weil - etwa aus Gründen der "political correctness" - immer über beide Gruppen zugleich geredet werden müsste. Es ist befremdlich, weil in der derzeitigen Debatte die Frage, in welchem zahlenmäßigen Verhältnis die beiden Gruppen zueinander stehen, eine entscheidende Rolle spielt und zugleich strittig ist, wie diese Zahlen zu interpretieren sind.

Ruf nach Ausnahmezustand

So gibt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, Christian Pfeiffer, immer wieder zu Protokoll, es gehörten zwar in der Gruppe der türkischen Jugendlichen 13,2 Prozent zu den Mehrfachtätern der Gewaltkriminalität, bei den Deutschen lediglich 4,1 Prozent.

Wenn man aber nur die jugendlichen Türken mit jugendlichen Deutschen vergleiche, die in annähernd derselben sozialen Lage seien - also etwa "Realschüler, keine innerfamiliäre Gewalt, normales Einkommen" -, dann zeige sich, dass unter diesen Bedingungen "die Gewaltrate identisch ist: Bei beiden haben um die 12 Prozent angegeben, im Jahr zuvor jemanden verprügelt oder mit Gewalt jemandem etwas weggenommen zu haben".

Muslimische Jugendliche unter Generalverdacht

Solche kriminologischen Feinjustierungen der Wahrnehmung in der einen wie der anderen Richtung haben derzeit wenig Chancen, diskutiert zu werden. Denn es hat die Phase der resoluten Entkoppelungen begonnen. Im Feuilleton der FAZ schrieb Frank Schirrmacher an diesem Dienstag: "Das Redeverbot, wonach über ausländische Jugendkriminalität oder solche mit Migrationshintergrund nur im Zusammenhang mit Jugendkriminalität im Allgemeinen zu sprechen sei, ist Geschichte." Dann sprach er ausschließlich vom antideutschen Rassismus muslimischer junger Männer, vor allem türkischer und libanesischstämmiger.

Diesen Rassismus gibt es zweifellos, und er richtet sich, wo er auftritt, nicht nur gegen Deutsche im allgemeinen. Das wird niemand bestreiten, der schon einmal erlebt hat, wie ein junger türkischer Macho junge Frauen mit Pöbeleien behelligt, oder deutsche Homosexuelle, die nach Berlin gezogen sind, um dort unbehelligt zu leben, hat erzählen hören, wie junge Türken vor ihnen auf den Boden spucken, wenn sie in Neukölln spazieren gehen. Aber für die Debatte darüber gilt die triviale Faustregel: dass solche Vorfälle empörend sind, rechtfertigt es nicht, muslimische Jugendliche unter Generalverdacht auf Rassismus und Gewaltbereitschaft zu stellen.

Und just an dieser Stelle kommen die deutschen gewaltbereiten und gewalttätigen Jugendlichen, die Schirrmacher aus der Debatte heraushalten will, wieder ins Spiel. Nicht nur, weil sie einen vergleichbaren Typ von Bedrohung darstellen, sondern weil die Debatte über sie einen Standard gesetzt hat, hinter den die jetzige zurückzufallen droht.

Skandalöse Sätze

In einem weiten Spektrum der politischen Parteienlandschaft wie in großen Teilen der Öffentlichkeit war ein Gedanke konsensfähig: die ausländerfeindliche Gewalt deutscher, oft rechtsradikaler Jugendlicher und die Ausschreitungen der Hooligans rechtfertigen nicht die Behauptung, der Rechtsstaat als ganzer sei gefährdet und die Deutschen insgesamt bewegten sich auf einen neuen Rassismus und Faschismus zu. Die Dimension des Problems ist ernst, aber sie ist nicht die des latenten Bürgerkriegs und des drohenden Ausnahmezustands.

Ein Äquivalent zu diesem nicht expliziten, aber atmosphärisch einflussreichen Konsens gibt es in der jetzigen Debatte nicht. Artikel wie die der Frankfurter Allgemeinen tragen dazu entscheidend bei. An seinem Beginn steht die These, es sei an den in den vergangenen Wochen bekannt gewordenen gewaltsamen Übergriffen ausländischer Jugendlicher nicht weniger abzulesen als eine Zäsur nicht nur in der deutschen, sondern in der Menschheitsgeschichte: "uns war historisch unbekannt, dass eine Mehrheit zum rassistischen Hassobjekt einer Minderheit werden kann." Dagegen ließe sich einwenden, dass etwa im Südafrika der Apartheid der Rassismus einer (weißen) Minderheit nicht eben schwach auf die (schwarze) Mehrheit einwirkte. Aber das ist nicht entscheidend.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Schirrmachers Text zu maßloser Dramatisierung ermuntert.

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