Debatte über "Der kommende Aufstand" Das hat er vom Vater

In dem anarchistischen Pamphlet "Der kommende Aufstand" finden sich Batman, Mao und Ernst Jünger - das lädt zu Fehlinterpretationen ein: Ist es nun links oder rechts? Eindeutig ist seine Botschaft: Brenne!

Von Marc Felix Serrao

Der düsterste Satz in Christopher Nolans Film The Dark Knight stammt von Batmans Butler. "Manche Menschen können weder gekauft noch eingeschüchtert werden, mit ihnen ist weder zu argumentieren noch zu verhandeln", sagt Alfred (Michael Caine). Er meint den Joker, dem Heath Ledger eine Fratze verlieh, wie man sie galliger nie gesehen hatte.

Fight Club

Das Büchlein "Der kommende Aufstand" hat ein ähnlich diffus aufrührerisches Potential wie David Finchers Film "Fight Club"  von 1999.

Menschen wie dieser schmatzende, kichernde Unhold, so Alfred, wollten die Welt "einfach nur brennen sehen". Heute, zwei Jahre später, ist ein französisches Büchlein in aller Munde, das ähnlich schlecht gelaunt und renitent daherkommt. Wollte man seine Botschaft an die westliche Welt auf den Punkt bringen, wäre es diese: Brenne!

Das röchelnde System

Viel ist geschrieben worden über Der kommende Aufstand (Im Original von 2007: L'insurrection qui vient). Über seinen Furor, seine Naivität, aber auch über seine kitzelnde Sprachmacht. Das knapp 100-seitige Bändchen, dessen deutsche Fassung inzwischen von jeder gut sortierten linksradikalen Website heruntergeladen werden kann, beschreibt ausgehend von den explosiven Bannmeilen Frankreichs und der köchelnden Gewalt auf Griechenlands Straßen eine Gesellschaft am Abgrund. Statt, nach guter sozialdemokratischer Sitte, auf andere Verhältnisse zu pochen, durch Demos oder Tarifverhandlungen, gelte es, das ohnehin röchelnde System mit Anlauf in den Abgrund zu schubsen.

In der taz wurde nun darauf hingewiesen, dass die größeren deutschen Rezensionen des Franzosenbändchens völlig verkannt hätten, was dieses eigentlich sei: nicht links, sondern rechts. Und zwar so richtig. Von einer "antimodernen Hetzschrift" ist da die Rede, gespickt mit Thesen von Hauptverdächtigen wie Carl Schmitt und Martin Heidegger. Ein Einwand, der zutrifft, zumindest teilweise.

Um das zu erkennen, muss man aber nicht mühsam Schmitt ableiten und den Text nach einschlägigen Begriffen scannen. Es reicht, einen kleinen Band zur Hand zu nehmen, der zur Grundausstattung jeder guten konservativen Hausbibliothek zählt und die nun im "Aufstand" beschworene Praxis der Mimikry und des subversiven Widerstands vor Jahrzehnten schon und in mindestens so eleganten Worten vorweggenommen hat: Der Waldgang, Ernst Jünger, '51.

Von der allgemeinen Hoffnungslosigkeit ("Der Mensch befindet sich in einer großen Maschine, die zu seiner Vernichtung ersonnen ist") bis zum Aktionismus ("Der Wahrspruch des Waldgängers heißt: jetzt und hier"): Viel von dem, was nun als neu und revolutionär gelesen wurde, findet sich in Jüngers Anleitung zum Widerstand, die unter dem Eindruck des frühen Wettrüstens der Nachkriegsblöcke entstand. Mitunter gleichen sich die Texte fast aufs Wort, etwa, wenn es um praktische Vorschläge zur Sabotage geht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum es falsch wäre, den "Aufstand" als antimodernes Pamphlet abzutun.