Von Jens Bisky

Mit Jogginghose auf der Fernsehcouch? Die Elite macht die stille Gruppe der "Bildungsfernen" lächerlich und sichert sich zugleich Vorteile vom Staat. Eine Streitschrift gegen das Bildungsprivileg.

Auch in den jüngsten Wahlkämpfen fehlte es nicht an Warnungen vor der Einheitsschule. In Niedersachsen fanden Eltern und Lehrer zu einem Aktionsbündnis "Gegliedertes Schulsystem" zusammen. Jüngere Mitglieder des Philologenverbandes, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, sprachen von einer "Richtungswahl" und schürten in nicht eben vorbildlicher Grammatik die Furcht vor der "Zwangs-Einheitsschule, an denen alle Schülerinnen und Schüler - anders als an den Schulen heute - unabhängig von ihrer Leistungsfähigkeit zusammen lernen sollen". Eine hessische Bürgerinitiative möchte "die Interessen der Eltern vertreten, die sich nicht dem Diktat einer ideologisch geprägten Gleichmacherei unterwerfen wollen".

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Eine Studentin protestiert für gleiche Bildungschancen. (© Foto: AP)

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Man hört es und nickt, ohne lange nachzudenken: alle Wege der Gesamtschule führen bekanntlich nach Moskau. Wer gegen die frühe Selektion der Kinder auftritt, handelt allein aus sachfremden, ideologischen Motiven, ist obendrein ein Feind der Leistung. Wer Freiheit und Gerechtigkeit schätzt, die "Wahlfreiheit der Eltern" und ein "begabungsgerecht" gegliedertes Schulsystem, muss der nicht den Befürwortern der Einheitsschule in den Arm fallen?

Glücklicherweise kommt in dieser Woche eine Streitschrift in die Buchläden, die mit der selbstgerechten Ideologie der Ideologiefreien ironisch, sachkundig und wütend zugleich abrechnet: "Das Bildungsprivileg. Warum Chancengleichheit unerwünscht ist" von Bruno Preisendörfer (Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 192 Seiten, 16,95 Euro).

Beträchtliche Wahrnehmungsverzerrungen

Die Fakten sind bekannt und werden kaum bestritten: Der Bildungsforscher Jürgen Baumert stellte im Dezember 2001 fest: "Die Chancen eines Arbeiterkindes, anstelle der Realschule ein Gymnasium zu besuchen, sind viermal geringer als die eines Kindes aus der Oberschicht."

Vierfach würden, so Jochen Schweitzer, der die Kultusministerkonferenz in den PISA-Gremien vertrat, Schüler aus unteren Sozialschichten bestraft: zunächst durch ihrer Herkunft, dann durch die "ungerechte Selektion am Ende der Grundschule", dann durch die schlechten Bedingungen an den Hauptschulen und dann - lebenlänglich, kann man hinzufügen - "durch die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt".

Die Öffentlichkeit leidet in Bildungsangelegenheiten unter beträchtlichen Wahrnehmungsverzerrungen. Was haben wir nicht das düstere Schicksal der plötzlich benachteiligten Akademiker beklagt, als die "Generation Praktikum" auftrat. Doch absolvieren, einer Studie des Hochschul-Informations-Systems zufolge, lediglich acht Prozent der Fachhochschul- und sieben Prozent der Uni-Absolventen nach dem Studium ein Praktikum.

Es geht um die Kinder der "normalen" Familien

Und selbst diese fanden rasch eine Arbeit: Neun Monate nach dem Ende des ersten Praktikums waren noch vier Prozent der Praktikanten mit Universitätsabschluss ohne Stelle. "Das ist bedauerlich", kommentiert Preisendörfer, "aber eine Katastrophe, die eine ganze akademische Generation ins Abseits stellt, kann man das nicht nennen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum der Staat die Ungleichheit fördert.

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