Debatte Stärke aus Verwundbarkeit

Ist Deutschland wegen seiner moralischen Achillesferse die ideale Führungsmacht in Europa, wie es der Politologe Herfried Münkler behauptet? Auf alle Fälle macht er die Sorgen Europas nachvollziehbar.

Von Gustav Seibt

Deutschland diskutiert über die Europäische Union und Brüssel. Die anderen Länder in Europa diskutieren über Deutschland und Berlin. Das ist die grundlegende Asymmetrie der europäischen Debatten seit dem Ausbruch der Finanzkrise.

Der deutsche Europa-Diskurs ist überwiegend moralisch und legalistisch. Deutschland habe die Pflicht, seine Interessen den europäischen unterzuordnen, bis zu massiven Transferleistungen in die verschuldeten Länder, sagen die einen. Die anderen pochen auf die Verträge und verlangen, alle sollten "ihre Hausaufgaben machen", um das schaudervolle Mantra deutscher Politiker zu zitieren. Isoliert ist die radikal linke Position Wolfgang Streecks, der am liebsten die Wirtschaftsordnung wieder aufs Maß demokratischer Nationalstaaten zurückschneiden würde. Diese Kritik am neoliberalen "Hayek-Europa" teilt er mit dem irischen Marxisten Perry Anderson.

Sonst aber reden Briten, Franzosen, Italiener und Polen, wenn sie über Europa nachdenken, von deutscher Hegemonie. Wer etwas gegen den Kapitalismus und die Finanzmärkte hat - und das sind derzeit viele -, hat nun auch ein Feindbild mit Gesichtern, nämlich Angela Merkel und Wolfgang Schäuble; erst danach kommen Mario Draghi und Christine Lagarde.

Dabei sind die Meinungen tief gespalten, am auffälligsten in Italien, wo der Euro den einen als Instrument für ein "Viertes Reich" gilt, den anderen aber als größte Modernisierungschance seit dem Zweiten Weltkrieg für ein marodes, zurückgebliebenes Land. Für Angelo Bolaffi hat Europa daher ein "deutsches Herz". Auch in Frankreich schwankt man zwischen Selbstzweifel, Bewunderung und Ablehnung Deutschlands; kürzlich verteidigte Bernard-Henri Lévy Angela Merkel mit Verve gegen Nazi-Karikaturen. Polen hätte spätestens seit der Ukraine-Krise gern mehr deutsche Führung in Europa; Annäherungen an Russland würden dort mit äußerstem Misstrauen gesehen.

Der Politologe Herfried Münkler greift tief in die Vergangenheit, um Deutschlands Rolle zu klären

Am interessantesten ist der englische Blick auf Deutschland. Britische Historiker sind dabei, die gesamte ältere Geschichte Deutschlands und Europas umzuschreiben. Joachim Whaley und Neil MacGregor haben für ihre Landsleute die vornationale alte Reichsgeschichte der Fürstentümer und Städte wiederentdeckt; Brendan Simms beschreibt das europäische Staatensystem seit 1453 als Struktureffekt deutscher Machtlagen - kein europäisches Gleichgewicht ohne seine schwache Mitte als Schlachtfeld, Pufferzone und Ressourcenquelle. Der Aufbau eines preußisch-deutschen Machtzentrums 1870/71 war in dieser Sicht tatsächlich jene "Revolution", die Benjamin Disraeli bereits unmittelbar nach der Bismarckschen Reichsgründung diagnostizierte.

Es sind solche langfristigen historischen Erinnerungen, die nun, ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung, so viele Europäer mit so viel Argwohn und Erwartung zugleich auf Deutschland blicken lassen. In Italien war das Bismarck-Gedenken des Jahres 2015 selbstverständlich ein Zeitungsthema.

Natürlich wissen außenpolitische Fachleute und handelnde Politiker um diese prekäre Stärke. Die "Vormacht wider Willen" geistert in vielen Variationen auch bei uns durch Bücher und Leitartikel. Der moralistische deutsche Europa-Diskurs ist auch eine Antwort darauf, allerdings eine sehr unpolitische; die Uhr lässt sich eben nicht mehr zu Helmut Kohl zurückdrehen, wie ausgerechnet Jürgen Habermas das gerne sähe. Denn Europa ist seit dem weitgehenden Rückzug der USA aus seinen Angelegenheiten nicht nur finanzpolitisch, sondern auch sicherheitspolitisch mehr als je zuvor auf sich gestellt. Innerhalb der EU wirken viele widerstreitende Interessen, die doch koordiniert werden müssen - da hilft auch der Verweis auf die vielen prozeduralen Demokratiedefizite der EU kurzfristig wenig. Und nach Lage der Dinge kommt Deutschland nicht darum herum, diese Koordination maßgeblich zu bestimmen.

Das ist der Ausgangspunkt eines neuen Büchleins von Herfried Münkler, das man als die erste durchgeführte deutsche Antwort auf viele Bücher anderer europäischer Nationen begrüßen kann (Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa, Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2015). Münkler greift weit zurück in die Geschichte, darin vor allem den britischen Historikern nah, bis zurück zum Römischen Reich und zur Entstehung der Nationen in Europa. Heterogen zusammengesetzte Reiche zerfallen, wenn sie keine starke Mitte haben, das ist die wichtigste Beobachtung aus dieser frühen Phase. Sie gilt für das römische Imperium, das in einen westlichen und östlichen Teil zerfiel, für die frühe christliche Kirche, die dem Reich in die Spaltung folgte, auch für das Reich Karls des Großen, dessen lotharingische Mitte zu schwach war, um die Randmonarchien Frankreich und Deutschland zusammenzuhalten.

Die frühneuzeitliche Machtschwäche der Mitte führte im Dreißigjährigen Krieg und den Revolutionskriegen um 1800 zu jenen Traumatisierungen, die im 19. Jahrhundert den Deutschen einen nationalen Machtstaat so wünschenswert erscheinen ließen. Dessen Scheitern begreift Münkler allerdings eher als Folge vermeidbarer, wenn auch monumentaler Fehler denn als strukturelle Notwendigkeit.

Nachdem Europa im Kalten Krieg seine verbindende Mitte verloren hatte, ist Deutschland seit 1990 wieder da, in einem Kontinent, aus dem die Flügelmächte Amerika und Russland sich weit zurückgezogen haben (allerdings mit der Option, von Fall zu Fall rasch und entschieden wieder zurückzustoßen, wie die letzten Jahre gezeigt haben).

Die Geschichte bleibt die Wunde, die Deutschland so schwächt, dass es besonnen bleiben muss

Zugleich ist das alte, instabile europäische Staatensystem durch die EU mit ihrem Euro überlagert worden - denn ganz verschwunden ist es ja nicht, wie die aktuellen Interessenkonflikte zeigen. "Macht in der Mitte", die neue Rolle des wiedervereinigten Deutschland schillert bei Münkler eigentümlich zwischen einer räumlich-geopolitischen und einer fast allegorischen Bedeutung, die von Ferne an Bismarcks "ehrliches Maklertum" erinnert: Deutschland als vermittelnde, ausgleichende, koordinierende Macht, die beispielsweise im Interesse aller nicht nur absolut, sondern auch relativ mehr bezahlt als die übrigen Mitglieder der Union, die aber insgesamt auch die Richtung vorgibt, vor allem an einem Einklang mit Frankreich interessiert ist. Das ist etwas anderes als ein "Kerneuropa" starker Länder, denn niemand kann ein Interesse an instabilen Peripherien haben. Da denkt Münkler ganz als Imperiums-Theoretiker.

Die Gefahren, Münkler spricht von "Verwundbarkeiten", stehen jedem vor Augen: Die antieuropäischen Populismen könnten siegen; der Konsens der großen Koalition (zu der kurzfristig keine Alternative in Sicht ist) nützt sich ab; die antideutschen Ressentiments nehmen überhand. All das lässt sich mit kluger Politik einhegen - Deutschland sollte nicht nur aus Eigeninteresse an seiner wirtschaftlichen Stärke festhalten, und auch seine Kultur und Wissenschaft nicht verkommen lassen. Erfolgreiche Politik muss nicht von Liebe begleitet werden. Den deutschen Journalisten empfiehlt Münkler einen gelassenen Umgang mit den zuweilen hysterischen antideutschen Reaktionen in den benachbarten Ländern.

Denn, und das ist der Clou von Münklers Argumentationsgang, natürlich wird Deutschland aufgrund seiner Geschichte moralisch verwundbar bleiben. Gerade in den Mittelmeerländern ende derzeit sogar eine "Kultur des Beschweigens" deutscher Verbrechen, die in der früheren Nachkriegszeit dazu diente, Wunden nicht länger offen zu halten. Aber gerade diese vorerst unabsehbar weiterwirkende moralische Angreifbarkeit mache die faktische deutsche Hegemonie in Europa überhaupt erst erträglich. Sie gibt den Europäern den Hebel und die Gewissheit, dass Deutschland, um es so grob zu sagen, wie Münkler es nicht schreibt, nicht in neuer Hybris durchdrehen wird.

Die deutsche Geschichte bleibt also die weiterblutende Wunde, die den Amfortas-Siegfried Deutschland so schwächt, dass er so besonnen bleiben muss, wie er es als nur halb starke Macht im Staatensystem von 1870 bis 1945 nicht war, zu seinem eigenen und zu Europas Unglück. Das ist eine Objektivierung jener moralischen Verpflichtung zur Selbstkritik, den in der Sicht kritischer Historiker die Vergangenheit den Deutschen seit 1945 auferlegt.

Ob das gut geht? Immerhin haben wir nun einen Gedanken, der uns erlaubt, uns die Sorgen der anderen Europäer zu eigen zu machen, ohne die reale Stärke zu verleugnen, die wir ja nicht einfach verschwinden lassen können.