Debatte Das absolut Böse

Eine Sonderedition von "Mein Kampf" in der Bibliothek des Deutschen Historischen Museums. Kann eine editierte, kritische Version das Werk entlarven?

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

"Mein Kampf": Gegenüber dieser Spottgeburt von Wahn und Mord hört jedes Kommentieren auf - das kann auch eine kritische Ausgabe nicht ändern.

Von Jeremy Adler

Der Versuch, eine "kritische Ausgabe" von "Mein Kampf" zu edieren, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Editionen dieser Art erarbeitet man für große Werke, für antike Klassiker und für andere Kulturgüter. Man will die Urfassung eruieren, den besten Text herstellen, schwierige Stellen erhellen. Hier ist das Gegenteil der Fall. Das Werk soll entlarvt werden. Das Vorhaben, ein Buch abzudrucken, weil man es ablehnt, widerspricht aber der gesamten Tradition der Textedition seit der Spätantike und dem jüdischen Mittelalter. Gelehrte Ausgaben dienen per definitionem den Intentionen des Autors. Die Textkritik verfügt nicht über die Mittel, Aussagen zu neutralisieren. Der Autor kommt zu Wort, jetzt aber mit allen Ansprüchen eines Klassikers.

Am Freitag erscheint diese Neuausgabe, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ). Jetzt aber soll, bloß weil das Urheberrecht frei wird, ein erbärmliches Machwerk eine Dignität erlangen, wie wir sie Homer und Platon, Bibel und Talmud zuordnen. Texte, die man lesen soll, die zur Bildung gehören. Kritische Ausgaben haben als obersten Zweck, ein Original für alle Zeiten zu bewahren. Mag der Wille hinter der Neuausgabe noch so gut sein, der Abdruck eines fragwürdigen Textes kann nur ein Ergebnis zur Folge haben: die Aussagen des Autors zu verbreiten. Ob diese beim Publikum auf Zustimmung oder Ablehnung stoßen, vermag kein Herausgeber zu bestimmen - ein gewissenhafter Editor darf seine Leser gar nicht steuern. Sobald er dies tut, betreibt er Polemik und büßt seine Unabhängigkeit ein, er kompromittiert seine Stellung als Forscher. Aus diesem moralischen Dilemma gibt es keinen Ausweg.

Diese Schmähschrift inthronisiert das Unrecht als Herrschaftsprinzip

Es lohnt sich zu überdenken, um welches Skandalon es sich hier handelt, denn diese Schmähschrift verletzt jedes Gesetz der Vernunft, indem sie das Unrecht als Herrschaftsprinzip inthronisiert: Sie verstößt gegen das Naturrecht, wie dieses John Locke um 1690 formulierte, indem sie die menschliche Gleichheit unterminiert; sie straft die amerikanische Verfassung von 1787 Lügen; sie bricht mit den international wirksamen Reformen des Code Napoleon von 1804, der jedem Bürger die gleichen Rechte zuteilte; entschieden verwirft sie die Paulskirchenverfassung von 1848, etwa Artikel V, Absatz 144, der die Glaubensfreiheit festlegt; sie verhöhnt die Grundsätze der damals in Kraft stehenden Weimarer Reichsverfassung von 1919; sie verstößt gegen den ersten Artikel der Erklärung der Menschenrechte von 1948, mit seiner Pflicht, im Geiste der Brüderlichkeit zu handeln; sie widerspricht dem ersten Artikel des Grundgesetzes von 1949 - nicht nur dem Anfangssatz, sondern auch den folgenden Sätzen: "Sie (die Würde des Menschen) zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Mag es sich dabei im Sinne des heutigen Rechtes nicht um Aufwiegelung handeln, da dieses Buch vor der Gründung der Republik entstand, so kommt man dennoch nicht umhin, in ihm die aufrührerische Intention zu erkennen. Die Tendenz steht außer Frage. Kein anderes Werk hat jemals so eindeutig zu Verbrechen angeleitet und gegen jegliche Rechtsnorm verstoßen. Der Gesetzgeber hat mitnichten die Verbreitung solcher Hetzschriften vorgesehen, sondern hat ihren Druck schlechthin verboten. Ein solches Buch zu edieren, aus welchem Grunde auch immer, bedeutet daher einen Affront gegen den Staat.

Das absolut Böse lässt sich nicht edieren. Wenn ein Autor ein ganzes Volk als Auswurf, Parasit, Drohnen, eine sich blutig bekämpfende Rotte von Ratten, einen schädlichen Bazillus oder auch nur als Affen verschmäht, für seine Sterilisation plädiert und unzweideutig seine Ausrottung fordert, vermag vielleicht die Psychiatrie zu diagnostizieren und ein Richter ein Urteil zu fällen, aber die Edition—natürlich nicht die Sprachwissenschaft, die Geschichtswissenschaft: wohlgemerkt, die Edition - steht vor dem Schreckbild hilflos da. Der Staat wird hier unterminiert, die Machtergreifung vorgesehen, der Weltkrieg vorbereitet. Gegenüber dieser Spottgeburt von Wahn und Mord hört jedes Kommentieren auf. Jeglicher Abdruck bedeutet nur eines: die Infamie zu wiederholen. Man muss zu anderen Methoden greifen, um aufzuklären. Das Argument, man habe schon verwandte Texte ediert, trifft nicht den Kern. Dies ist das Werk, das als Ausruf zum Völkermord in alle Welt ging, nolens volens kommt ihm als letztes Tabu ikonische wie faktische Bedeutung zu.

Es kann daher ein Beobachter nur mit Verwunderung zusehen, wenn ein Land, in dem die Leugnung des Holocausts als Volksverhetzung strafbar ist, gerade jenes Buch wieder auflegt, das an allererster Stelle den in diesem Land angezettelten Holocaust mitverursacht hat. Für Delikte sieht das Gesetz keine Ausnahmen vor, sondern eine Strafe von drei Monaten bis hin zu fünf Jahren Haft. Man merke wohl: Die Neuausgabe soll weder dem professionellen Historiker dienen noch der Gelehrtenrepublik, die beide spezielle Gründe vorbringen könnten, sondern der Volkspädagogik. Wie stellt man sich diese vor? Wie will man die Wirkung eines heute noch in europäischen Gefängnissen in illegalen Fotokopien zirkulierenden, von den Insassen gepriesenen Werkes durch eine Neuedition eindämmen? Aufklärung verlangt ganz andere Mittel. Und wer ist das "Volk", das man aufklären will? Der Zeitungsverkäufer? Die Lokführerin? Der Gemüsehändler? Werden sie zu diesem Text greifen? Sie verdienen mehr Respekt, als dass man ihnen ein zweibändiges Buch aufbürdet.

In diesem unlösbaren Konflikt zwischen Volkspädagogik und Wissenschaft liegt die Aporie der neuen Ausgabe. Dem Extremisten hingegen wird die schiere Wucht des Buches in den zu erwartenden Internet-Raubdrucken den Beweis liefern. Er wird im Apparat neue Quellen für seine Vorurteile vorfinden. Bald werden jene Fundstellen wie die ärgsten Sätze aus "Mein Kampf" im Internet kursieren. Wie verhütet man den Missbrauch dieser Ausgabe? Es ist bedenklich, um nicht zu sagen gefährlich, vor Gefahren zu warnen, indem man sie in allen Einzelheiten vorführt. Man meint, man müsse "Mein Kampf" edieren, weil es sich um ein großes historisches Dokument handelt. Hier liegt ein Denkfehler vor. Historische Texte nehmen dank ihrer Aussagekraft ohne Bezug auf die Persönlichkeit des Autors ihren Platz im Denkgebäude der Menschheit ein, wie etwa Politeia, Magna Carta oder Rights of Man. Vornehmlich schenken solche Werke der Welt unschätzbare Güter. Hier liegt der umgekehrte Fall vor. Das Buch will die Kultur, ja die Gesellschaft an sich vernichten, und sie durch eine fanatisierte "Masse" ersetzen. Es bleibt nur darum interessant, weil dies dem Autor mit all seinen Nutznießern für eine kurze, grauenvolle Epoche gelang, und vor allem deswegen, weil es sich bei ihm um den größten Massenmörder aller Zeiten handelt. Das bietet aber keine Rechtfertigung, ihn zu edieren, dadurch wird sein Text nicht zu einem großen Dokument. Er ist und bleibt ein wahnwitziges Gelärme, an Politik wie Terror des Autors gebunden, und kann erst im Zusammenhang mit all seinen Verbrechen verstanden werden. Der Text ist nicht wertlos, er stellt den Unwert dar. Um ihm seinen Platz zuzuweisen, braucht es Studien: vor allem Monografien und Biografien, wie sie uns Ian Kershaw und neuerdings Peter Longerich liefern. Eine Edition ist keineswegs unverzichtbar und kann niemals das erreichen, was hier nottut. Will man wirklich die Grenzen der Ethik auf die Probe stellen?

Die Ausgabe folgt drei konkurrierenden Grundsätzen - ein Unding!

Eine Edition kann nur ein Experte gestalten. Das Herausgeber-Team der Neuausgabe besteht aus vier Historikern. Das wirkt vielsprechend. Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass es unter den Herausgebern, die sich freilich von anderen Sachkundigen beraten ließen, keinen mit vorwiegend psychiatrischen Kenntnissen gibt, keinen Rechtshistoriker, keinen Sprachwissenschaftler, keinen Soziologen - und vor allem: keinen ausgewiesenen Text-Editor. Das ist kaum zu fassen. Wie soll eine Edition ohne einen einzigen hauptamtlichen Editor auskommen? Die Editionswissenschaft, gehört zu den schwierigsten Branchen der Philologie. Wenn eine Edition eines so fragwürdigen Werkes wie "Mein Kampf", an dem bekanntlich nicht nur der Autor mitgewirkt hat und das in abweichenden Auflagen erschien, überhaupt Anspruch auf Geltung haben soll, so müsste man das Projekt absichern, mit den besten Techniken an die Arbeit herangehen. Auftraggeber und Herausgeber am Institut für Zeitgeschichte nennen ihr Werk "kritische Ausgabe". Das stellt hohe Ansprüche. Nicht einmal die bedeutendste Ausgabe der letzten fünfzig Jahre, Albrecht Schönes "Faust" (1994), maßt sich an, "kritisch" zu sein. In der Tat bringen die neuen Herausgeber in ihren Mitteilungen die drei Grundformen herkömmlicher Editionen vollkommen durcheinander. Das heißt, sie wissen nicht, was ein "kritischer" Text überhaupt ist. Ihren Bekanntmachungen zufolge planen sie: 1. eine kritische Ausgabe, die einzig der Erarbeitung des Textes dient; 2. einen kommentierten Text, der ausführliche Erläuterungen enthält; und 3. eine Leseausgabe, welche sich - so das IfZ - "in Form und Stil . . . bewusst an einen breiten Leserkreis" wendet. Diese drei Anliegen lassen sich nicht gleichzeitig in einer Ausgabe erfüllen. Verbindet man sie in einem Werk, leidet entweder die Lesbarkeit oder der Anmerkungsteil oder die Wissenschaftlichkeit. Eine solche Edition ist dann ein nach drei konkurrierenden Grundsätzen angelegtes Unding.

Tatsächlich verzichten die Editoren darauf, alle Textvarianten abzudrucken, "weil sie inhaltlich nicht sehr viel hergeben", und verletzen dadurch das Prinzip der Vollständigkeit jeder wirklich kritischen Ausgabe. Auch von dem in diesem Gewerbe unerlässlichen Traditionsgefühl spürt man wenig. Die Editoren wollen das Original "umzingeln", sind sich dabei jedoch nicht bewusst, wie zutiefst anstößig es wirkt, wenn sie eine unter umgekehrten Vorzeichen von den Talmud-Editoren erarbeitete Technik auf "Mein Kampf" anwenden. Lässt man sich im Kommentar, wie ein von den Herausgebern mitgeteiltes Beispiel bestätigt, auf die Lügen des Autors mit Gegenargumenten ein - von sogenannten "Halbwahrheiten" kann hier ja keine Rede sein - begibt man sich auf dieselbe dubiose Ebene wie das Original. Eine echte "kritische" Ausgabe gewinnt durch die handwerkliche Perfektion, mit der sie die Wahrheit ihres Textes befürwortet, einen hohen ethischen Wert. Eine solche Ausgabe wirkt nach den strengsten Maßstäben als Hüter der Kultur. Stellt man ihre Prinzipien infrage, dann auch die Edition selbst.

Zu fragen haben wir ferner nach der sozialen Einbettung dieser Ausgabe, dem strukturellen Rahmen, da es sich ja um eine nationale Sache handelt. Schließlich sollte die Brechung eines Tabus nicht zum Skandal führen. Man hört oft die Stimmen der Historiker, die ein verständliches Interesse daran haben, den Text zu edieren. Wie steht es aber mit den Philosophen, den Dichtern, mit den Intellektuellen? Wo fand die Debatte statt, bevor der Plan verwirklicht wurde? Ziehen wir zum Vergleich die Angaben zur französischen Neuausgabe heran, begegnet man einigen Unterschieden. Erstens bürgt ein unabhängiger Verlag, L'Éditeur Fayard, für das Buch; zweitens gibt sich der bei vielen Verlagen vertretene Star, Olivier Mannoni, als Übersetzer her, der manche Stimmen der Schoah übersetzt hat und - sehr wichtig - an einer selbständigen öffentlichen Einrichtung, dem Centre National du Livre eingebunden ist; drittens wird das Werk von einem speziell für diesen Zweck zuständigen, unabhängigen und - wiederum wichtig - internationalen wissenschaftlichen Beirat überwacht; und schließlich sieht das Gesetz - anders als in Deutschland - eindeutig eine solche Veröffentlichung vor.

Warum steht hinter dieser Edition nicht die Deutsche Forschungsgemeinschaft?

Im IfZ hingegen läuft alles im Hause ab: Der wissenschaftliche Beirat des Instituts überwacht das Projekt; der Direktor übersieht es; vier Angestellte führen es aus; und es erscheint im Selbstverlag. Die Garantien, die man bei jeder großen Ausgabe erwartet, die unabhängigen Gremien mit Einspruchsrecht, die rigoros Techniken wie Niveau kontrollierenden Sponsoren - warum steht die Deutsche Forschungsgemeinschaft nicht, wie zu erwarten wäre, hinter dieser Edition? - scheinen gerade in diesem brisanten Fall zu fehlen. Und nicht nur das. Als eine staatliche Stelle dem Projekt die Unterstützung von 500 000 Euro wegen möglicher Gesetzeswidrigkeit entzog, machte das IfZ bedenkenlos weiter. Es wirkt im höchsten Maße verwunderlich, um nicht zu sagen unverantwortlich, eine Edition gegen die eindeutigen Warnungen des bayerischen Justizministers durchzuboxen, wenn - wie dieser betont hat - die Rechtslage noch zu klären bleibt.

Schließlich versteht das IfZ seine Arbeit als Huldigung an die Opfer. Das ist aber der pure Hohn: Man ruft die wehrlosen Toten an, um sein eigenes Handwerk zu rechtfertigen. Wie weiter? Bayerns Justizminister meint: "Die Weltöffentlichkeit beobachtet genau, wie wir mit dieser menschenverachtenden Schrift umgehen." Während ich dies schreibe, ohne Zugang zum neuen Text, steht das Urteil noch aus.

Jeremy Adler lehrt Deutsche Literatur am King's College London.