Ein Londoner wird am Tag von rund 300 Kameras gefilmt. Das scheint ihm nichts auszumachen. Wehe aber, es geht ein Brief mit seinen Daten verloren. Die britische Schizophrenie.
Wer in England einen Bekannten zum ersten Mal zu Hause besucht, sollte grundsätzlich rund 20 Minuten für die Lokalisierung des Hauses einplanen, auch dann, wenn er eine Straßenkarte mitführt. Engländer verstecken ihre Hausnummern gern hinter Efeu, schreiben sie winzig klein neben den Klingelknopf oder lassen sie gleich ganz weg.
Eine von vielen Überwachungskameras in London, die Stunde für Stunde aufpassen, dass niemandem die Identität gestohlen wird. (© Foto: ap)
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Als Antwort auf die Frage, warum Briten es Besuchern so schwer machen, bietet die Anthropologin Kate Fox die alte Weisheit "My home is my castle" an: Zwar könne man am Reihenhaus keine Zugbrücke hochziehen, aber zumindest könne man es möglichst schwer machen, das Haus zu finden, und somit die Privatsphäre ein wenig schützen. Das Eigenheim wird in England mehr als irgendwo sonst als eine Art exterritorialer Raum betrachtet, als unantastbarer Rückzugsort des Individuums, von dem die breitere Öffentlichkeit im Idealfall nicht einmal wissen soll, wo er sich befindet.
Wütend und verzweifelt
Umso größer war daher der Schock, als letzthin Schatzkanzler Alistair Darling im Parlament den wohl größten Datenschutzskandal der britischen Nachkriegsgeschichte gestehen musste. Ein Angestellter des Child benefit office im nordostenglischen Städtchen Washington hatte im Oktober der britischen Rechnungsbehörde zwei CDs zugesandt. Darauf befanden sich Namen, Geburtsdaten, Adressen, Sozialversicherungsnummern und Bankverbindungen von siebeneinhalb Millionen Familien, die in Großbritannien Kindergeld beziehen. Doch der Umschlag, der nicht einmal per Einschreiben geschickt worden war, hatte den Empfänger nie erreicht. Die CDs waren weder mit einem Sicherheitspasswort geschützt noch waren in der Kopie jene Informationen über 25 Millionen Menschen wie Sozialversichungs- und Kontonummern gelöscht worden. Und das, obwohl der Rechnungshof ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass diese für die geplante Überprüfung nicht notwendig seien.
Simon Davies, Direktor der Menschenrechtsorganisation "Privacy International", sagt, er habe in den 17 Jahren, in denen er Verletzungen der bürgerlichen Privatsphäre nachgegangen sei, "niemals so viele Beschwerden zu einem einzigen Thema bekommen": "Die Menschen sind wütend und verzweifelt", so Davies. "Sie machen sich große Sorgen wegen der potentiellen Bedrohung für ihre Kinder." Man will die britische Regierung nun wegen fahrlässiger Verletzung der Sorgfaltspflicht verklagen.
Vom Diebstahl der Identität
"Privacy International" kämpft in Großbritannien an vielen Fronten. Die nichtstaatliche Organisation, die alljährlich den "Big Brother Award" für die massivste Verletzung der Privatsphäre vergibt, tritt unter anderem auch vehement gegen die Einführung einer Personalausweispflicht in Großbritannien ein. Bisher herrschte nur in den vierziger Jahren kriegsbedingt kurzzeitig eine allgemeine Ausweispflicht auf der Insel; heute stellt die Weigerung, sich auszuweisen, nach britischem Recht kein Vergehen dar.
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat die Labour-Regierung immer wieder Vorstöße versucht, biometrische Ausweise für alle Briten verbindlich zu machen. Die darin enthaltenen Informationen sollen in einer zentralen Datenbank gebündelt werden. "Privacy International" kann sich beim Kampf gegen diese Datenerfassung der Unterstützung der meisten Engländer gewiss sein. Da schon das Konzept eines Ausweises vielen ein Graus ist, war die Reaktion nach Alistair Darlings Erklärung zum Kindergeld-Datendebakel erwartbar: "Und denen sollen wir jetzt unsere biometrischen Daten anvertrauen?"
Dabei würde der Ausweis ein in Großbritannien weit verbreitetes, in Ländern mit Ausweispflicht hingegen nahezu unbekanntes Verbrechen sehr erschweren: den sogenannten "Identitätsdiebstahl". Derzeit genügt als Identitätsnachweis der Briefkopf einer Strom- oder Gasrechnung, nach deren Vorlage man Konten eröffnen, Mitglied im Fitnessclub werden oder sein Kind bei der Schule anmelden kann. In vielen Fällen führt eine achtlos ins Altpapier geworfene Rechnung beispielsweise dazu, dass dem Betroffenen einige Wochen später eine Mahnung ins Haus flattert, doch bitte die ausstehenden Gebühren für das neue Mobiltelefon zu begleichen, das von einem Identitätsdieb mithilfe der aus dem Müll entwendeten Rechnung angemeldet wurde.
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Brasiliens Präsidentin Roussef
Die Briten sind so spinnert nicht. Sie haben vielleicht ein in Jahrhunderten sich bewährt habendes Grundvertrauen in ihre Institutionen, ohne deswegen anzunehmen, der für einen aufrechtgehenden Bürger gar nicht so allmächtige Staat handele automatisch immer richtig und sinnvoll.
Bei uns scheint mir das anders zu sein. Wir vertrauen - meistens zu Recht - unseren Behörden, mißtrauen aber den uns Regierenden, den Politikern (auch aufgrund geschichtlicher Erfahrungen).
Vor gar nicht langer Zeit gab es in dieser Zeitung einen Artikel mit dem Titel:
Die spinnen, die Amis!
Heute:
Die spinnen, die Briten!
Demnächst doch hoffentlich: Die spinnen, die Deutschen!
Der Systematik wegen (von West nach Ost) dazwischen:
Die spinnen, die Franzosen!
Liebe SZ, das könnte ein echter Dauerlutscher mit vielen aufgeregten Kommentaren und entsprechend vielen Klicks von registrierten Online-Besuchern geben, die man den Anzeigenkunden,fein säuberlich aufgedröselt nach werbewirtschaftlich verwertbaren Daten, anbieten könnte.
Lieber BennoR: Sie haben völlig recht. Der allseits durchleuchtete, transparente und namentlich bekannte Kunde ist eine viel größere Horrovorstellung als die vielen Kameras, deren Informationsmasse anonymer Daten wegen der schieren Quantität gar nicht mehr verwertbar ist.
Zusätzlich zu der Tatsache, dass man in London an allen möglichen Ecken gefilmt wird, finde ich es besonders befremdend, dass es wohl wenige Richtlinien (wenn überhaupt welche) gibt, wann die erhobenen Daten wieder zu löschen sind.
Wochen nach den Anschlägen im Juli 2005 kamen die CCTV-Bilder der Attentäter bei ihrem Probelauf Wochen zuvor zum Vorschein. Auf der Oystercard -dem elektronischen Ticket für die Tube- sind Verbindungsnachweise (also wann man von wo nach wo gefahren ist) auch nach einem Jahr noch gespeichert. Viele Leute scheinen sich dadurch sicherer zu fühlen.
Interessant finde ich auch, dass man zwar nie bei der Polizei seinen Wohnort anmelden muss, aber bei der Einstellung für einen neuen Beruf auch Jahre zurückliegende Adressen angeben muss. Da läuft die schöne Freiheit dann doch ziemlich ins Leere!
Aber ist doch auch nett, dass jedes Land seine eigenen ängste und Bedenken hat.
CCTV Schilder begegnen einem überall in Großbritannien. Vielleicht sollte einfach ein am Flughafen ein großes Schild: "This country is under CCTV surveillance" oder einfach nur "CCTV surveillance area" angebracht werden und der Schilderwald würde sich wenigstens etwas lichten. Denn: Diesen Kameras kann man sowieso nicht entkommen, warum also jedesmal davor warnen?
Passend zum Thema ein Banksy:
http://farm1.static.flickr.com/1/124659356_bbe1e5b661.jpg
und gleich noch einer:
http://igargoyle.com/archives/cctv2.jpg
Das ist genauso wie wenn man bei Starbucks ein Foto des grandiosen Hinweises "Some of our products may contain nuts" machen möchte und dann von der Bedienung lautstark darauf hingewiesen wird, man dürfe dies nicht. Als ob es sich bei dem Interieur einer Starbucks Filiale um das Innere eines Atomreaktors handeln würde!
Auf meinen Einwand dass Starbucks mich filme (und das Einkaufszentrum in dem das passiert auch) wollte sie allerdings nicht eingehen.
Genau das Gleiche passiert übrigens wenn man in Einkaufszentren Fotos macht - in nullkommanix tauchen Sicherheitsleute in martialischen Outfits auf welche einen Aufstand machen als sei dies eine iranische Atomwaffenfabrik und kein Shoppingcenter. Auch der Einwand dass das Shoppingcenter mich ja filme wollen diese Herren nie gelten lassen, bzw. sie wurden ja in erster Linie eingestellt weil sie eben nicht lange herumdiskutieren...
Paging