Das VG-Wort-Urteil und seine Folgen Verlage in Verlegenheit

Illustration: Dalila Keller

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Von Maro bis Volk - kleinen Buchbetrieben machen die Forderungen nach Rückzahlungen arg zu schaffen

Von Bernhard Blöchl

Die gute Nachricht vorneweg: Aufgeben wird so schnell keiner der namhaften unabhängigen Verlage. Das hat eine SZ-Befragung in Bayern ergeben. Ans Eingemachte geht es aber durchaus, dafür sind die finanziellen Folgen des VG-Wort-Urteils (siehe Infotext unten) für die meisten Kleinunternehmer zu gravierend.

"Das ist ein Schlag", empört sich Benno Käsmayr vom Maro-Verlag in Augsburg. Auf knapp 15 000 Euro beziffert er den Rückforderungsbetrag, der sich bei ihm aus VG Wort und VG Bild zusammensetzt. Maro, ein Independent-Hafen mit Charles-Bukowski-Flaggschiffen und Günter-Ohnemus-Schätzen, hat eine lange Tradition im Herstellen origineller Werke. Nun kündigt Käsmayr an: "Ich mache im Frühjahr keine neuen Bücher." Das Programm pausiert, die Stimmung ist gedämpft. Angesichts der finanziellen Lage werde man halt vorsichtiger, so der Verleger weiter.

Auch Michael Volk ist zurückhaltender geworden in einer Zeit, die durch die Digitalisierung ohnehin knifflig sei. "Nun wird halt wieder ein Kuchenstück weggenommen. Das ist ein Einschnitt, der eine Programmplanung noch schwieriger macht", sagt der Chef des Volk-Verlags in München. Bei ihm bewege sich die Summe "im kleinen fünfstelligen Bereich". Sein Kollege Peter Kirchheim erklärt, es treffe seinen Verlag "tatsächlich spürbar", Inge Holzheimer vom A1-Verlag stimmt in das Klagelied mit ein: "Für uns ist es beträchtlich, die Rückforderung liegt im oberen vierstelligen Bereich." Selbst eine kleine vierstellige Summe kann "ein Loch in die Kasse" reißen, wie Kristina Pöschl vom Lichtung-Verlag in Viechtach betont. "Die Literaturlandschaft wird ärmer werden", glaubt Pöschl.

Gelassener reagieren junge Verlage wie Louisoder, der erst seit 2013 auf dem Markt ist, und Antje Kunstmann, die schon seit 40 Jahren Bücher macht. "Na klar trifft uns das", teilt sie mit, "aber wir verkraften das auch." Auf die langfristige Programmplanung werde sich das nicht direkt auswirken, gibt sich Kunstmann optimistisch.

Einig sind sich die Befragten in der Bewertung des Urteils, das die Verlage zur Rückzahlung der Vergütungen aus den Jahren 2012 bis 2015 verdonnert. Es sei schlicht ungerecht, so der Tenor. Die Statements reichen von "entsetzt" (Lichtung) und "null gerechtfertigt" (Volk) bis "fatal" (Louisoder). "In Zeiten des Self-Publishing-Hypes wird übersehen, dass die Verlage in den allermeisten Fällen einen großen Anteil daran haben, dass die Bücher sicht- und fühlbar werden", sagt Holzheimer von A 1. Käsmayr ergänzt: "Ich habe das nicht für möglich gehalten in der naiven Denke, was seit 1958 zur Zufriedenheit von Autoren und Verlagen passt, kann nicht falsch sein. Sonst hätte ich auch in den betroffenen Jahren Rückstellungen gebildet."

Eine interessante Facette ist das strapazierte Verhältnis zwischen Verlag und Autor. Denn hier geht es nicht nur um Zahlen, sondern auch um die Zusammenarbeit von Menschen. "Der Austausch mit den Autoren hat zugenommen", erzählt Michael Volk. "Mitunter ist das alles schwer zu erklären. Vor einer Vertiefung des Themas habe ich zu großen Respekt. Davor, dass sich Verlag und Autoren auseinanderleben könnten." Inge Holzheimer von A 1 geht einen Schritt weiter, wenn sie betont, dass das Urteil zu einer Entsolidarisierung zwischen Autoren und Verlagen beitrage. Eine kleine Hoffnung für die Verlage besteht indes darin, dass ihre Autoren die Verzichtserklärung unterschreiben. Es gibt Betriebe, die verschicken entsprechende Briefe (Kunstmann, A 1, Maro), andere sehen davon ab (Volk, Lichtung, Louisoder). Käsmayr sagt: "Alle meine Autoren, soweit ich mit denen regelmäßigen Kontakt habe, finden das Urteil ungut und wollen den freiwilligen Verzicht unterschreiben. Das hat aber auch damit zu tun, dass bei mir die Objekte aufschlagen, wo kein Autor sagt, dass Maro jetzt den großen Reibach macht."