Das Schöne, Gute und Bare Taler, Taler, du musst wandern

Das Geld, es ist ein sonderbar Ding, ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, der seine eigenen Gesten und Sprachbilder prägte.

Von Lothar Müller

Das Bargeld, sagen die einen, ist Freiheit. Das Bargeld, sagen die anderen, ist umständlich. Den Bargeldgebrauch zu beschränken, sagt ein ehemaliger Verfassungsrichter, ist verfassungswidrig. Die Bundesregierung hatte die Idee, Bargeldgeschäfte über 5000 Euro zu verbieten, und der 500-Euro-Schein muss befürchten, dass es ihm an den Kragen geht. In der Aufregung, die diese Pläne hervorgerufen haben, geht es fast immer um die Bezahlfunktion. Kaum ist das Wort "Bargeld" ausgesprochen, schon ist im nächsten Satz vom bargeldlosen Geldverkehr die Rede, von digitalen Buchungen, von den Kreditkarten und Handys als Zahlungsinstrumenten.

Die Ordnung der Dinge - ein Groschenroman

Das Bargeld geht aber in seiner Funktion als Zahlungsmittel nicht auf. Denn diese Funktion erfasst nur seine abstrakte Seite, die es mit der Kreditkarte und dem Buchungsgeld teilt: Es ist ihm wie allem Geld vollkommen gleichgültig, in welche konkreten Waren es getauscht wird. In seiner sinnlich-materiellen Gestalt gehört es aber nicht nur zur Ordnung des Geldes, sondern zur Ordnung der Dinge. Münzen und Scheine gehören zu den alltäglichen Gebrauchsgegenständen. Ein Repertoire von Gesten ist um sie herum entstanden, durch die sie zum menschlichen Körper, nicht nur zur Hand, in Beziehung treten, und zugleich zu nahen und entfernten Verwandten in der Welt der Dinge.

Die Münzen unterhalten, zumal wenn sie geworfen werden, eine enge Beziehung zu Zufall und Glück und damit zu den Würfeln, ein Bündel Scheine lässt sich aufblättern wie die Seiten eines Buches, und Scheine wie Münzen tragen nicht nur Zahlen, die ihren Tauschwert anzeigen, sie sind auch Bilder - zeigen Porträts von Herrschern, später Künstlern und Wissenschaftlern, Symbole und Umrisse der Nationalstaaten.

Die Allgegenwart des Bargeldes macht es zur idealen kleinen Münze des Erzählens in bildender Kunst, Literatur und Film, und auch in der Musik klingelt nicht selten die Registrierkasse, von den Operetten des 19. Jahrhunderts bis zu Pink Floyd. Denn wie zur Ordnung der Dinge steht das Bargeld zu den menschlichen Sinnen in enger Beziehung, zu Auge, Tastsinn und Ohr, aber auch zur Nase. Wer einen Geldschein prüft, hält ihn gegen das Licht, wer eine Münze prüft, betastet sie und wiegt sie in der Hand, und wer nervös ist oder vor Langeweile vergeht, kann sein Kleingeld tanzen lassen. Die Fähigkeit der Münzen, sich in Spielgeräte zu verwandeln, sichert ihnen ein Kapitel in der noch zu schreibenden Geschichte des Schulhofs.

Kurz, das Gestenrepertoire des Geldes wäre ärmer, wenn man mit Münzen und Scheinen nur bezahlen könnte. Man kann damit auch um sich werfen, kann Münzen zu Konfetti machen, Scheine verbrennen oder zusammenrollen, wenn die Sucht nach Geld die Sucht nach anderen Drogen nach sich zieht. Es sind aber nicht zuletzt die undramatischen, unauffälligen Gesten, die das Bargeld für die Künste interessant machen: die routinierte Bewegung, mit der jemand einem Kellner das Trinkgeld zusteckt, die umständliche Bewegung, mit der jemand aus den Tiefen einer Hosentasche eine Münze hervorkramt, die virtuose Schnelligkeit, mit der ein Bank-Kassierer Geldscheine abzählt. Einige auffällige und unauffällige Gesten des Geldes werden oben gewürdigt.