Jede Gesellschaft hat ihre eigenen ultimativ normierten Sitten. Dringlicher noch als Knut Ipsen waren die obersten Chefs des DRK von 1933 an genötigt, sich zum Zeitgeist zu verhalten. Passenderweise ging ihre politische Meinung mit der des damaligen Regimes konform.

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Kurz nach der Machtübernahme 1933 hatte die Spitze des DRK nichts gegen die Direktive der Regierung, dass es seine Arbeit fortan auf die Verpflegung von Kriegsverletzten konzentrieren solle.

Im Zweiten Weltkrieg fiel die Idee, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene als minderwertige Existenzen zu betrachten, die der Pflege weniger bedürftig wären als Volksdeutsche, auf allen Ebenen des DRK auf fruchtbaren Boden.

Das DRK konnte auf Hunderttausende freiwillige Hilfskräfte zurückgreifen. Für Schwestern und Sanitäter wurden rassenideologische Schulungskurse anberaumt.

Im DRK dominierte die SS

Birgitt Morgenbrod und Stephanie Merkenich haben in den Akten fast vergeblich nach Anzeichen für ideologisch unbefrachtetes humanitäres Engagement gesucht.

Ihr bestes Beispiel ist ein DRK-Oberhelfer, der in der Krankenbaracke der "Rheimag" stationiert war, wo Zwangsarbeiter in unterirdischen Stollen Flugzeuge bauen mussten.

Eines Tages ist der Pfleger abrupt nach Haus gereist. Man weiß nicht, warum. Vielleicht konnte er das Elend, das er sah, nicht mehr ertragen. Von einigen seiner Patienten hat er sich per Postkarte verabschiedet.

Soweit aus dem Buch hervorgeht, wurde dieser Oberpfleger für seine Abreise nicht offiziell zur Verantwortung gezogen. Zumindest ihm wird es zugute gekommen sein, dass das DRK sich als eigenständige Organisation erhalten konnte. Wenig anderes gibt es, womit die Haltung des DRK in jener Zeit sich moralisch rechtfertigen ließe.

Morgendbrod und Merkenich zeigen, dass die Organisation darauf bedacht war, ihre "Chancen" wahrzunehmen. 1944 ließ das DRK sich mit der Durchführung sämtlicher Krankentransporte aus dem Kriegsgebiet betrauen - obwohl die Zuständigen wussten, dass ihre Organisation damit logistisch überfordert war.

Natürlich hat das DRK die Eliminierung der linksgerichteten und der jüdischen freiwilligen Hilfskräfte in seinen Reihen gleich nach 1933 betrieben. SS-Chargen hatten frühzeitig Spitzenposten im DRK übernommen. Die stritten sich dann mit der SA und Martin Bormann, Chef der Reichskanzlei, Fürsprecher der SA. Die SS obsiegte.

Deshalb blieb das DRK nominell unabhängig. In dem unter seiner Aufsicht geführten Hospital in Hohenlynchen wurden grausame Experimente an Menschen durchgeführt. Was die Konzentrationslager angeht, schreiben die Autorinnen, das DRK habe als "willfähriges Sprachrohr des ,Dritten Reiches'" agiert, wenn auch "ungern": Man besichtigte diesen oder jenen Ort und erklärte hernach, dass alles dort bestens bestellt sei.

Von 1942 an entsprach das DRK dabei allerdings den Vorgaben des Internationalen Komitees Rotes Kreuz in Genf, das im Oktober 1942 beschloss, seine Kenntnisse über die deutschen KZs nicht öffentlich zu machen.

Die Autorinnen legen zwar alle Erkenntnisse auf den Tisch. Zu Urteilen, können sie sich aber kaum aufraffen. Vielleicht fühlen sie sich ihrem Geldgeber, dem Deutschen Roten Kreuz, verpflichtet.

Der letzte Satz ihres Buchs lautet: "So aufopferungsvoll und segensreich der Dienst der DRK-Einsatzkräfte vor Ort ... auch immer gewesen ist, so bleibt doch die Frage, ob die nationale Rot-Kreuz-Organisation in Deutschland in den Jahren 1933 - 1945 nicht allzu bereitwillig die auch auf fremdes Leid gerichteten humanitären Prinzipien des Roten Kreuzes preisgegeben" habe.

Das ist keine Frage. Das war so. Auch beschreiben die Autorinnen nicht, wie das DRK nach 1945 seine Kollaboration mit dem NS-System schöngeredet hat.

Eine Studie über den Flick-Konzern, die mit dem Geld des Kunstsammlers Friedrich Christian Flick jetzt vom Münchner Institut für Zeitgeschichte publiziert wurde, geht auf die Zeit nach 1945 ein. Die Frage ist: Wäre das für das DRK zu viel an "Vergangenheitsbewältigung" gewesen?

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(SZ vom 25.06.2008/mst/odg)