Das ist schön Dionysos in der S-Bahn

Wie man mit etwas Lyrik Fahrgäste erfreuen kann

Von Karl Forster

Dienstagabend, kurz vor 18 Uhr, Rosenheimer Platz, S-Bahngleis 2. Es fährt ein die S 6 nach Tutzing. Der Mann im Türbereich des letzten Wagens sieht schon ein bisschen komisch aus; oder sagen wir: eigenartig; noch besser: eigenwillig. Halboffene Schlappstiefel, darüber Unterschenkel in rosafarbenen Damaststrümpfen, eine Art Kamelhaarmantel über dem schlanken, aber endlos großen Körper, und auf dem Kopf einen Zylinder, bezogen mit Leopardenmusterkunststoff. Er fragt in das hereindrängende Menschenknäuel: "Ist das schon Isartor?"

Nein, ist es nicht, nächste Haltestelle. Da dreht er sich um, holt aus der Manteltasche eine Art Kladde hervor, schlägt sie auf und beginnt zu lesen, vernehmlich zu lesen, zu rezitieren, zu deklamieren. Nicht zu laut, aber durchaus mit Selbstbewusstsein in der Stimme, mit angenehmem Timbre im Baritonbereich, den Blick immer wieder lösend von den Notizen auf dem karierten Papier in der Hand. Es ist von Sonnenstrahlen die Rede, von Dionysos, dem trunkenen Gott der Freude und Fruchtbarkeit, irgendwann glaubt man, den Namen Odysseus zu hören, man versteht nicht alles, denn der Mann mit dem Leopardenkunstfellzylinder spricht in die andere Richtung.

Haltestelle Isartor, bitte links aussteigen. Der Leopardenhutmann schreitet durch die Tür der S-Bahn, spricht immer noch im Rhythmus des Gedichts, das letzte zu hörende Wort ist "Sonne". Er wollte kein Geld, sammelte nicht, hielt keinem seinen Hut oder eine leere Zigarrenschachtel hin. Er brachte nur ein bisschen Sonne in die S-Bahn mit seiner angenehmen Stimme und den schönen Worten. Die Fahrgäste? Typisch für die Zeit der Rushhour. Starren vor sich hin, starren in ein Display, starren in ein Buch. Während der Leopardenhutmann sein Gedicht liest, schaut ihn keiner an, aber einige schauen auch nicht mehr auf Display, Buch oder vor sich hin. Sie scheinen anzufangen, dem Klang der Worte hinterherzulauschen, ein Telefon gibt Laut, das Klingeln wird schnell abgestellt. Keine Zeit. Denn da ist gerade ein Gedicht.

Nach der Haltestelle Isartor ist es sehr ruhig in diesem Teil des letzten Waggons der S 6 nach Tutzing. Es ist, als lauschten ein paar Menschen nach des Tages Last und Müh' der Sonne des Leopardenhutmannes hinterher. Marienplatz, Umsteigen zur U 3, U 6. Dionysos, Odysseus, die Sonnenstrahlen, sie bleiben zurück. Der Dichter mit dem Leopardenfellhut hat ein Geschenk hinterlassen, das auch noch strahlte, als er schon verschwunden war. Wie schön.