Das ist nicht schön Ach, diese Lücke!

Warum Poetikvorlesungen keinen Chamisso-Preis ersetzen

Von Antje Weber

"Ein Text ist beweglich", sagt Senthuran Varatharajah. Die Sprache, so fordert der junge Autor, der 2017 für sein Romandebüt "Vor der Zunahme der Zeichen" einen letzten Chamisso-Förderpreis erhielt, solle ähnlich in Bewegung sein wie die Figuren. Wer vor wenigen Tagen der zweiten von drei Poetikvorlesungen am "Internationalen Forschungszentrum Chamisso" der LMU lauschte, musste jedenfalls beeindruckt sein von der geistigen Beweglichkeit dieses Autors: Hier wechselte ein so brillanter wie charismatischer Intellektueller geschmeidig zwischen Theorien und Registern hin und her.

Als beweglich hat sich ja leider auch die Robert-Bosch-Stiftung erwiesen, die den Chamisso-Preis - für ein von Sprach- oder Kulturwechsel geprägtes Werk - im vergangenen Jahr eingestellt hat. Wie man sich den Ersatz vorstellt, lässt sich in diesem Jahr erstmals besichtigen: Ein zweifellos dafür bestens geeigneter Debütautor wie Varatharajah darf innerhalb von zwei Wochen gleich in drei Vorlesungen vor ein paar Dutzend Studierenden seine Poetik erklären und dazu noch vier Schulen besuchen. Im Juni werde der in Berlin lebende Autor sogar noch einmal wiederkehren, sagt LMU-Professor Thomas H. Borgard; der Austausch werde dadurch noch intensiver.

Das ist, wenn man einen für derlei Diskurse hochbegabten Schriftsteller wie Varatharajah engagiert, eine für alle Beteiligten sicher erfreuliche Erfahrung. Doch an die Bedeutung der von 1985 bis 2017 vergebenen Chamisso-Preise wird das niemals heranreichen. Die Ermutigung einer solchen Auszeichnung für die Autoren ist stärker, als es alle - inzwischen ja etwas inflationären - Poetikvorlesungen oder Schul-Workshops je sein könnten. Angesichts der ungebrochenen Fülle an Neuerscheinungen, in denen in irgendeiner Form der ungern so genannte Migrationshintergrund aufscheint, fehlt dieser Preis, der für Qualität bürgte, im Übrigen auch als Orientierungshilfe für die Leser. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke! Denn auch wenn im Hintergrund angeblich immer noch an eine Wiederbelebung des Preises hingearbeitet wird: Dass sich fast ein Jahr nach dem Ende noch nichts in der Sache bewegt hat, spricht für dauerhaften Stillstand. Und das ist nicht schön.