Von Christian Kortmann

Was geschieht, wenn ein Bollywoodstar Michael Jacksons berühmtes "Thriller"-Video kopiert? Zu unserer Freude ein ästhetischer Kulturclash, der amüsanter nicht sein könnte.

Wir erinnern uns: Schon einmal startete eine Gattung kurzer Filme zu einem Siegeszug durch Kulturindustrie und Feuilletons. Es war Anfang der 1980er-Jahre, und Videoclips begannen, Popsongs zu begleiten. Bald kam kein Lied mehr ohne Clip aus, das Genre drang via "Formel Eins" sogar ins öffentlich-rechtliche Fernsehen vor. Clip-Regisseure wie Chris Cunningham wurden zu Stars, und das Lieblingskind der Medien hieß damals nicht YouTube, sondern MTV. Wie das Internet-Filmportal hatte auch der Videoclippionier Music Televison so seine Probleme: Zwar nicht mit Urheberrechten, dafür aber mit nicht jugendfreien Textpassagen oder zu provokanten Filmszenen, die weggepiepst oder gleich ganz vom Sender genommen wurden.

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Bastard der Videokultur

Zweieinhalb Jahrzehnte später ist von Videoclips keine Rede mehr. Mag sein, dass sich das Genre ästhetisch erschöpft hat, vielleicht aber ist eine Neuerung aus dem Geist der Nutzer-generierten Internetvideos möglich. Der Laufband-Clip zu "Here It Goes Again" von OK Go imitiert ja bereits professionell die Amateurästhetik und gewinnt so den Charme der frühen Video-Jahre zurück.

Was bleibt, sind die Meilensteine der Videoclip-Kultur, und wen man auch fragt, fast jeder zählt Michael Jacksons "Thriller"-Video dazu. Im Clip "chiru" sehen wir, dass es auch in der indischen Kultur mächtigen Eindruck hinterlassen hat: Der Bollywoodstar und Sänger Chiru setzt sich im Video zu seinem Song "Goli Mar" nach Jacksons "Thriller"-Vorbild in Szene. Was uns MTV nie geben wollte und konnte, ästhetische Heterogenität (man bekam immer nur die Clips vorgesetzt, die die Platten bewarben, die man kaufen sollte), reichen die Filmportale nun gewissermaßen nach und zeigen die Nebenwerke und Bastard-Abkömmlinge, die am Rande des Clip-Mainstreams entstanden: "chiru", diese Perle audiovisuellen Wahnwitzes wäre uns sonst nie untergekommen.

Holt die Luftsitar raus!

Schon das irre "VOLGA"-Logo zu Beginn verspricht, dass etwas verdammt Schräges folgt, dennoch übertrifft der Clip die Erwartung: Spacige Klänge dringen ans Ohr , Soundeffekte wie in einem Low-Budget-Science-Fiction-Film der 1960er. Chirus Augen quellen grün aus ihren Höhlen, die Karnevalsvampirzähne wachsen lang und länger - schon klar, das wird ein Werwolf! Das spuchtige rote Lederdress mit dem schwarzen V auf dem Rücken ist ihm auf den Leib geschneidert. Unter der Jacke zieht Chiru seine Schultern zackig hoch: Da ist Rhythmus, da ist Music, da steht er wieder in aller Frische vor uns: der King of Pop!

Chiru kopiert nicht nur Jacksons Look, sondern auch seine Bewegungen: 1983, als er "Thriller" drehte, war Michael Jackson auf dem Höhepunkt seiner Kunst als Sänger und vor allem als Tänzer. Seine Moves waren stilistisch derart ausgeprägt, dass sie zugleich leicht kopier- und persiflierbar waren - das Schicksal eines jeden unverwechselbaren Stils. Lustig ist Chirus Wechsel von charakteristischen Jackson-Bewegungen, etwa der Pirouette, zu banalen Gymnastikübungen, Hampelmännern, weil sein Skill eben für den Moonwalk und andere Jackson'sche Gummibeinigkeiten nicht ausreicht. Der Beat ist ebenfalls nur verhalten als Plagiat kaschiert. Chirus Zombie-Truppe, ein Splatterkopf neben dem anderen, tanzt dazu einen Bollywood-typischen Massentanz, plantscht durch die Pfützen und Nebelschwaden zwischen den Gräbern auf dem Friedhof unter Palmen.

Der Protagonist kommt stark aus der Hüfte, so muss es sein, und erschreckt alle Beteiligten sowie die Zuschauer mit seinem Ruf: "Goli Mar!" - Kugel, töte! Manche Klänge treffen das Publikum im europäischen Kulturkreis unerwartet, so die Sitar-ähnlichen Saiteninstrumente, die auf ekstatische Schreie folgen. In Indien rockt das wohl sehr, denn es löst unter den Zombies kollektives Luftsitarspielen aus.

Hoch über die Freakfaktormesslatte

Düsterer Sprech-Gesang verleiht dem Song einen narrativen Musicalcharakter. Es muss um große Gefühle gehen, Liebe, Hass, Verzweiflung, Details können wir nur erahnen. Jedenfalls übersteigen Chirus Worte die Vorstellungskraft der jungen Dame im gelben Oberteil, die die Hände vor den Mund schlägt und entsetzt flüchtet. Aber kein Entkommen: Chiru folgt ihr und stellt sie zum Pas de deux. Am Ende rüttelt uns der Schrei der indischen Scream-Queen auf.

Freakiger als Jackson zu sein - an dieser Aufgabe kann man eigentlich nur scheitern. Selbst ein Otto Waalkes in Hochform, der in seinem ersten Kinofilm Heino-Zombies um sich scharte, war nicht völlig überzeugend. Chiru jedoch nimmt die Freakfaktormesslatte mühelos und fügt der Videocliphistorie eine späte Pointe hinzu. Zumal er mit seinem Clip eine visuelle Eigenwelt entwirft: Röter als Chiru in seinem Zweiteiler hat noch niemand gewirkt - James Deans Blouson aus "...denn sie wissen nicht, was sie tun" ist verwaschen dagegen.

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(sueddeutsche.de)