Von Christian Kortmann

Heavy-Metal-Gitarrist Yngwie Malmsteen gewährt eine Privataudienz, und Mark Goffeney rockt mit dem großen Zeh: Gitarren-Virtuosen in der Clip-Kritik.

Kaffeepause - die Gitarre liegt dem Mann mit dem Zottelhaar, der getönten Brille und dem weit geöffneten Hemd so locker und selbstverständlich im Schoß wie anderen eine Zeitung. Auf dem Tisch steht ein Cappuccino, es könnte irgendwo in den Katakomben hinter einer Konzertbühne oder in der Küche seiner Wohnung sein: Der schwedische Heavy-Metal-Gitarrist Yngwie Malmsteen gönnt uns eine Privataudienz und gewährt Einblick in seine Spielkunst. "Yngwie Malmsteen Lesson" heißt der Clip, eine lässige Guitarero-Lehrstunde, nicht aus dem Stegreif, sondern aus dem Kaffeetrinken heraus.

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Zu Beginn zeigt Yngwie, welches Akkordmuster er oft spielt, ein Offenlegen der Karten, das er sich leisten kann, weil die reine Vorführung dieses Musters atemberaubend ist - auch wenn man es kennt, kann man es nicht nachmachen: Seine Finger fliegen über das Griffbrett der maßgefertigten Fender Stratocaster, Yngwie beherrscht die Tonfolgen hoch und runter und wandelt das Motiv ab. Das sei aber alles nichts Besonderes, erklärt er, nein, auf seinem neuen Album gebe es eine Stelle, die sei noch viel komplizierter. Und dann spielt er etwas, das so unglaublich schnell ist, dass auch sein Hängeschmuck am linken Handgelenk nur mehr vibriert, da er zu träge ist, um den Bewegungen zu folgen.

Ein demokratisches Instrument

"Now kids", sagt Yngwie - offensichtlich sind jüngere Bewunderer zu Gast, die ihn filmen. Ihre Kamera fährt ganz dicht ans Griffbrett heran, streichelt die flinken Finger, die bishin zu einer Sehnenerkrankung auf der E-Gitarre malträtiert wurden. Die Kamera würde wohl in die Gitarre hinein fahren, wenn sie könnte, um dem Geheimnis von Malmsteens Spiel auf die Spur zu kommen. Für ihn ist alles leicht, die Worte "of course" fallen, die Worte eines Meisters: Selbstverständlich ist die Kunst für den, der sie beherrscht, aber ein endlos scheinender Weg für den Lernenden

Zwischendurch Gitarrenvirtuosenkaraoke, jetzt mit Cola oder Whiskey-Cola und Perrier auf dem Tisch. Zu Rockband-Playback deutet Yngwie Bühnenposen und Heavy-Metal-Gesichtsausdrücke an: mit geöffnetem Mund nach oben starren, während man sich selbstvergessen in Trance soliert.

Er schüttelt die verschiedenen Spielmodi wortwörtlich aus dem Hemdsärmel. Die Ringe an den Fingern, der baumelnde Goldschmuck, die Brille, die Haare, ja, seine Gesamterscheinungslässigkeit und die Geschwindigkeit, mit der er die Riffs rausschießt, beeindrucken. Wichtigstes Detail in der Bildkomposition ist aber die nicht angerührte Cappuccino-Tasse: Sie steht da und zeigt, dass Yngwie Malmsteen fürs Gitarrespielen den Kaffee gerne mal kalt werden lässt.

Unter den weiteren zahlreichen Gitarrenclips im Netz, die Virtuosen oder Playback-Luftgitarren-Fantasten zeigen, gibt es einen, der besonders fasziniert. Sein Titel, "The Guitarist", benennt den Gitarristen Mark Goffeney, ohne eine Besonderheit hervorzuheben. Wie treffend, denn so verblüffend seine Spielweise auf den ersten Blick erscheint, so sinnfällig ist sie. Die Gitarre ist ein wahrhaft demokratisches Instrument: nicht nur günstig und leicht transportabel, sondern auch offen für andere Techniken abseits der konventionellen.

"Die Deutschen haben sehr geglotzt"

Man hört nicht, dass Mark Goffeney mit den Füßen statt mit den Händen spielt. Er interpretiert Tom Pettys Song "Mary Jane's Last Dance" mit Verve und Spiellust und klopft sogar perkussiv den Rhythmus auf dem Holz, ohne dass hörbare Pausen entstehen. Goffeney hat seine Schlappen ausgezogen, die Gitarre auf einen Teppich und ihren Hals auf zwei Bücher gelegt, den Klappstuhl aufgestellt und den kleinen Verstärker eingeschaltet. Neben seiner Band Big Toe ist das der Job des Berufsmusikers: Hier, in San Diegos Balboa Park, der bekannt ist für seine Live-Acts, verdient er bis zu 300 Dollar pro Tag.

Nun wird gerne "Voyeurismus!"-Alarm ausgerufen, wenn Dinge gezeigt werden, die einem unangenehm sind oder die man nicht versteht. In diesem Fall wäre dies wieder mal völlig unangebracht. Denn der Blick der Kamera ist der des Rockmusikfans, der verstehen will, wie diese Musik gemacht wird. Wie zuvor im Yngwie-Malmsteen-Clip interessiert sich die Kamera für die Spieltechnik und fährt nah heran. Man sieht, dass Goffeneys linker Fußrücken tätowiert ist, und staunt, zu welch feinmotorischen Bewegungen die Zehen in der Lage sind, wenn sie ein Leben lang trainiert werden.

Mit den Blicken der Anderen hat Mark Goffeney, der ohne Arme geboren wurde, immer wieder zu kämpfen. Vor allem sei ihm dies bewusst geworden, als er mit Big Toe durch Deutschland tourte und in Restaurants mit den Füßen aß: "Die Deutschen haben sehr geglotzt", erinnert er sich. Manchmal fürchte er aber auch im Balboa Park, dass "die Leute denken, ich würde betteln und an ihr Mitleid appellieren. Aber ich würde das Gleiche tun, wenn ich Arme hätte. Also werde ich bestimmt nicht aufs Gitarrespielen verzichten, nur weil es nicht jeder versteht."

In diesem Punkt widerspricht der Clip "The Guitarist" dem Klischee von den ungebildeten Amerikanern: Im Hintergrund pausiert ein Vater mit seinem Sohn auf dem Rasen, eine Familie mit Kinderwagen und Hund und Radfahrer kommen vorbei und werfen interessierte, aber keine starrenden Blicke auf den Musiker. Der Gitarrist ohne Arme ist hier genau die Selbstverständlichkeit als die er wahrgenommen werden will.

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