Mit diesem Film wollte er allen zeigen, dass er der Stärkste ist. Zur Freude des Publikums ging das voll daneben: "Idiot With A Barbell" in der Clip-Kritik.
Am Vorabend ist er wahrscheinlich wieder mal viel zu spät ins Bett gegangen. Nach dreieinhalb Stunden Schlaf klingelte der Wecker um halb acht, um zehn vor stand er auf, um sich ab 8 Uhr 10 für sechs Schulstunden durch die gymnasiale Mittelstufe zu schleppen. Das schlauchte ihn, müde kam er nach Hause und ertrug wortlos ein Mittagessen mit seinen Eltern. Doch dann folgte ein kleiner tiefer Mittagsschlaf und ein starker Kaffee. Rasch hat er die paar Hausaufgaben erledigt und jetzt fühlt er dieses gewisse, im Kopf wie Champagner prickelnde Nicht-Ausgelastetsein. Die Uhr im Zimmer zeigt halb vier: Zeit für den Quatsch am Nachmittag.
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Der Quatsch muss unbedingt dokumentiert werden, auf Film oder - falls man mal wieder eine Band gegründet hat - mindestens als MP3 oder auf Tonband: Es könnte ja einen Moment lang etwas Gelungenes dabei aufscheinen, und das dürfte man keinesfalls verpassen. Das war auch die Absicht des Clips "Idiot With A Barbell". Doch dann wurde ein Moment festgehalten, der nicht in den eigenen Augen, sondern in denen der anderen besonders gelungen ist.
Anders als die absichtsvoll inszenierten "ysabellabrave"-Videos in der Clip-Kritik der Vorwoche ist dieser Clip gegen den Willen des Machers witziger als er absichtlich jemals geworden wäre: Ein junger Mann will im Selbstportrait zeigen, wie stark er ist, demonstriert dann aber nur nur sein halbstarkes Spackotum. Fortan saust er als kleine Filmdatei namens "Idiot mit einer Hantel" um die Welt.
Die Details verraten die Bedingungen der Situation: der nackte Oberkörper des Jungen, seine Camouflage-Hose, unter der der Bund der Unterhose sichtbar ist, die fette Stereoanlage auf der Holzkiste, die Schlüsselbändersammlung an der Wand, der Fahrradhelm und der Rucksack, liegt da ein aufgeschlagenes Schulbuch auf dem Schreibtisch und eine Schachtel Zigaretten daneben?
Emblem der Blamage
Es handelt sich um die eindeutige Ikonografie des pubertären Aufbruchs in ein selbst bestimmtes Leben. Aber zugleich steht noch das Aquarium im Raum, es ist wohl aus dem Kinderzimmer übrig geblieben. Wenn seine Freunde zu Besuch sind und sie Hardcore und Hip-Hop hören, ist ihm das Aquarium peinlich, und er hängt einen Kapuzenpullover und ein T-Shirt drüber, damit das blaugrün leuchtende Wasserbecken nicht so auffällig kleinbürgerlich im Raum steht.
Man sieht die Bilder des Films vor sich, der ursprünglich entstehen sollte: In diesem Clip hätte der Junge die Hantel ein paar Mal gestemmt und dabei immer wieder in die Kamera geblickt, die seine Herkulestat festhalten sollte. So aber brechen die Dreharbeiten in dem Moment zusammen, in dem er nach einem prüfenden Blick in die Kamera in medias res gehen will: Der Junge zerstößt mit der Hantelstange die fragile Aquariumsscheibe und eine mit Todesangst erfüllte Fisch-Fontäne ergießt sich ins Jugendzimmer. Die starre Kameraperspektive überlasst das Chaos, das sich nun auch außerhalb ihres Blicks entfaltet, der Imagination.
"Mama, Mama!" schreit der Junge mit Stimmbruchstimme. Dieser Hilferuf ist ein Eingeständnis seines Daseins als Kind. Genau das Gegenteil, dass er nämlich ein erwachsener starker Mann ist, wollte er seinen Freunden beweisen, die den Clip auf dem Mobiltelefon oder im Netz gesehen hätten. "Eimer, Eimer!" schreit seine Mutter und greift geistesgegenwärtig zum blauen Mülleimer: Mama weiß mal wieder Rat.
Sehenswert ist dieser Clip weniger wegen seines Pleiten-Pech-und-Pannen-Charakters, sondern weil die Gegensätzlichkeit der intendierten und der entstandenen Bilderwelt die Grenzerfahrung der Pubertät visualisiert: Denn als Teenager ist man Kind und Erwachsener zugleich, oft wechselt man von dem einen Bewusstseinszustand unkontrolliert in den anderen.
Diese Kolumne heißt zwar "Das Leben der Anderen", aber die Internetvideos handeln immer auch von uns: "Idiot With A Barbell" ist ein filmisches Emblem für all die Momente, in denen wir besonders glänzen wollen und uns dann unendlich blamieren.
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(sueddeutsche.de)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Selten habe ich so viele Lesermeinungen zu einem so banalen Artikel gesehen. Das ist schon ein Teilerfolg für den Autor.
Eine journalistische Abartigkeit der abtriftenden Kunst. Frechheit!
Danke, Dave2007, das sehe ich genauso.
Aber der richtige Angeber lässt natürlich noch ein wenig Latein einfließen : ).
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herrlich, γνῶθι σεαυτόν (direkt von Wikipedia kopiert)
neben all der Kritik, die These ist doch berechtigt
Paging