Von Christian Kortmann

Kennen wir alle: Ein bauchnabelhoher Pfosten lockt. Anlauf. Absprung. Und am Ende warten die Schmerzen. Jetzt revolutioniert ein Video die Welt des Bockspringens - die Clip-Kritik.

Genau, Bockspringen, wir erinnern uns: dieses unheimliche Treiben, bei dem sich der Sportpartner mit dem Rücken zu einem aufstellt, mit den Armen nach vorn auf die Knie gestützt, und darauf wartet, übersprungen zu werden. Solch ein Szenario kann einem nicht geheuer sein, weil man sein Schicksal in fremde Hände legt, nämlich darauf angewiesen ist, dass der Vordermann sich nicht abrupt aufrichtet. So ein Hinterkopf kann unterhalb der Hüfte recht unangenehm einschlagen. Nachdem man im Schulsport zum Bockspringen gezwungen wurde, kehrt man freiwillig nicht zu solchen Praktiken zurück.

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Wohl aber lockt manchmal ein bauchnabelhoher Pfosten im Straßenalltag: Allein die leere Szenerie, die man zu Beginn des Clips "Advanced LeapFrog Techniques" sieht, ist ein Kunstwerk, ein fotographisches Objet trouvé der jungen kanadischen Filmemacher Jay und Leah, die sich sich JayVideo nennen. Quadriert in einer starren Kameraperspektive erkennt man die Schönheit dieser Straßenecke, die eingebettet ins Bebauungsensemble wohl nicht weiter auffällt.

Die geometrisch unterteilten ockergelben und rostroten Flächen bieten den perfekten Hintergrund für eine streng formalisierte Tätigkeit. Dass in der Mitte der Wand ein Scheinwerfer angebracht ist, verstärkt den Bühnencharakter. Und dass vor dieser Wand in regelmäßigem, ja, idealem Abstand für einen bestimmten Sport, Betonpfeiler aufgestellt sind, deutet auf den geheimen Zweck dieses Ortes hin: JayVideo haben eine Anlage zum Bockspringen entdeckt.

Lebendes Blamagebild

Genau so, wie sie die optimale Location gesucht haben, durchstöbern Jay und Leah die Kultur- und vor allem Filmgeschichte, um aus ihr Ideen für neue Bockspringtechniken zu destillieren. Ihr Clip zeigt originelle Varianten einer schlichten Disziplin, die ähnlich wie beim Eiskunstlauf mit Namen versehen sind. Nur heißen sie nicht Axel oder Doppelter Rittberger, sondern "The Purse Snatcher" oder "The Spin 'O' Rama" oder wettbewerbstypisch "The 6 out of 10".

Doch "Advanced LeapFrog Techniques" ist mehr als eine Parodie auf die gekünstelte Ästhetik von Sportarten mit B-Noten. Der Clip erfordert genaue Kennerschaft des Publikums: Um etwa zu verstehen, warum das einbeinige Aufbauen auf dem Pfosten nach einem Schauspieler "The Ralph Macchio" benannt ist, muss man Macchios Film "The Karate Kid" aus dem Jahre 1984 kennen, in dem eben diese "Kranich"-Figur Teil seines Kampftrainings ist. JayVideo machen sich einen großen Spaß daraus, das banale Kindergartenspiel Bockspringen zu verkomplizieren.

Wobei die Komplikationen jedoch nur im semantischen Bereich, nicht aber im körperlichen liegen: Es ist eben nur soviel Sport, dass Jay dafür die Beine seiner Jeans umkrempeln muss, der Rest ist ein körperlicher Essay. Fast jeder könnte Jays Sprünge nachmachen, das Besondere aber besteht im Erdenken der verschiedenen Figuren: Im Medium Bockspringen liefern JayVideo eine Tour de Force durch die visuelle Kultur. Mit den präzisen Gesten, die Piktogrammen gleichen, assoziieren wir ganze Themenfelder.

Der Clip "Advanced LeapFrog Techniques" führt also vor, dass und wie unser Gehirn unverwechselbare Bildersequenzen abspeichert, die bei Aktivierung durch ein Auslösebild abgerufen werden: Sieht man etwa Jays übertriebene Körperstreckung nach dem "The Gymnast"-Sprung, erinnert man sich unweigerlich an olympisches Turnen. Selbst aus dem eigenen Zögern vor einem Sprung macht Jay selbstironisch ein lebendes Blamagebild namens "Walk of Shame".

Bis auf den Grund

Trotz dieser dichten kulturellen Aufladung gelingt es JayVideo, die Leichtigkeit beizubehalten: Wie alle Komikkunst ist der Clip ernst und lustig zugleich. Dies ist auch ein Verdienst der Musik von La Goutte au Nez, die genau auf die Bilder abgestimmt ist und an einigen Stellen, etwa wenn Jay am Ende den Stangentänzer mimt, in Mickey-Mousing-Technik seine Aktionen untermalt und kommentiert.

Ab und zu lassen JayVideo Autos durchs Bild fahren, um zu verdeutlichen, dass sie mit ihrer Vorführung einen bevölkerten öffentlichen Raum okkupieren. Sie drängen sich auf. Auch das bislang jungfräuliche Terrain der Bocksprung-Vielfalt und -Nomenklatur haben sie nun ja mit ihren Neudeutungen besetzt.

Wenn man eine Sache nur ernst genug nimmt, sie also gedanklich bis auf den Grund verfolgt, kann man aus allem etwas machen: Nach dem Clip "Advanced LeapFrog Techniques" ist in der vernachlässigten Welt des Bockspringens nichts mehr wie zuvor.

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(sueddeutsche.de)