Das Internetvideo der Woche Brennen muss Jimi

Niemand machte aufregenderen Gitarrenlärm als Jimi Hendrix. Bis heute bleibt er musikalisches Idol und Held des intensiven Lebens - eine Hendrix-Hommage in der Clip-Kritik.

Von Christian Kortmann

Kann man im kleinen Guckkasten-Format des Internetvideos, in wenigen Minuten bei beschränkter Bild- und Tonqualität, ein Werk erschaffen, das den Zuschauer auf sensorischer Ebene fesselt, so wie es im Kino etwa eine von allen Seiten im Surround-Sound kesselnde Verfolgungsjagd tut?

Ja, man kann, wenn man die Schwächen des Mediums als Stärke nutzt, wie der Clip "Jimi Hendrix on Fire - Goodbye Art" beweist, der keine Zeit verschenkt und von der ersten Sekunde an das Interesse des Zuschauers verstärkt: Aus effektvoller Perspektive werden drei Streichholzschachteln vorgeführt - 7000 Zündhölzer mit roten, teilweise schwarz und weiß angemalten Köpfen. Wie Hendrix setzt der User Philinthecircle seine komplexe Kunst aus wenigen, gängigen Elementen zusammen. Hier wie da liegt die Besonderheit im von der Normalität abweichenden Gebrauch.

Im Zeitraffer werden die Bilder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Um so klarer entsteht unter den Händen des Künstlers ein Mosaik aus den verschiedenfarbigen Streichholzköpfen, das ein Doppelportrait von Jimi Hendrix und seiner Geliebten zeigt: Von unten nach oben formen sich das Antlitz des Musikers und der Hals der E-Gitarre. Dazu errichtet die ebenfalls verzerrte Musik einen Klangturm mit außenliegender Wendeltreppe. Dafür braucht man keine Leinwand und kein Surround-System: Schrammel-Ästhetik ist auch am Computerbildschirm eindrucksvoll.

Die Musik wird leiser, und wie damals bei Jimis Gitarrenverbrennung in Monterey liegt alle Aufmerksamkeit auf dem Anzünden des Streichholzes. Da brennt er, der rote Hintergrund! Jetzt zischen die Flammen und fressen sich wie kippende Dominosteine über die Schwefelköpfe von oben nach unten. Vor schwarzer Leere löst sich die Szenerie in Ekstase auf, die Flammen scheinen die Saiten und Töne zu modulieren, ihr Licht animiert in Jimis Gesicht Züge der Bühnen-Erregung: Sound, Feuerwerk, Jimis geöffneter Mund, der "Oh Yeah!" zu rufen scheint. Und als das Feuer den Gitarrenhals aufzehrt, sagt er: "Darling, jetzt brennen wir beide."

Jimi Hendrix' Image ist für die Nachgeborenen von Intensität und von seinem einzigartigen musikalischen Stil geprägt. Er konnte tief harmonischen Gitarrenlärm machen wie kein zweiter, und wenn in diesem Clip der junge Musiker Ben Abrahamson seine Gitarre bearbeitet, dann hört man, dass er Hendrix' Spiel nur zitiert, aber niemals versuchen würde, Jimi zu sein.

Anders als in den Siebzigern, als sich so mancher Gitarrero die Haare toupierte und die Uniformjacke überwarf, um das Publikum mit "Wild Thing" in die Knie zu zwingen, hält sich aus der historischen Distanz das Epigonentum in Grenzen: Heute hat man verstanden, dass Jimi eine einzigartige Erscheinung war, die uns mit der wahren Geistesmonarchen angeborenen Diskretion nur kurz beehrte. Und wenn er erst jetzt auftauchen würde oder in 100 Jahren, der Krater des kulturellen Meteoriteneinschlags hätte stets den gleichen Durchmesser.

Verschwenderisches Vergehen

"Jimi Hendrix on Fire" ist nicht das erste Werk aus Philinthecircles Reihe "Goodbye Art". Wöchentlich veröffentlicht er einen Clip, in dem er brennende Kerzen arrangiert oder mit Kreide Strichmännchen in die Landschaft malt. Immer spielt der Entstehungsprozess eine Rolle, den Philinthecircle filmt und ins Netz stellt: So wird das Making-of selbst zur Kunst und erweitert den Kreis des Publikums von wenigen versprengten Galeriebesuchern auf eine weltweite Userschaft, die Phils Filme jedoch entdecken muss.

Denn nicht immer macht er es dem Zuschauer leicht, oft braucht Philinthecircle viele Worte, um sein Konzept darzulegen. "Jimi Hendrix on Fire" erklärt sich selbst - Bastelei, Performance, Goodbye! - und ist auch deshalb einer der erfolgreichsten Clips der Reihe. Das penibel-systematische Werden und verschwenderische Vergehen dieses Clip-Kunstwerks setzt Jimi Hendrix ein kongeniales Denkmal im Netz. Philinthecircle überträgt die Essenz von Hendrix' Schaffen ins Medium Internetvideo: Jimi brannte, also muss auch sein Portrait sich entzünden.

Die qualmende Ruine, die an Max Ernsts Bild "Der Wald" erinnert, setzt den überzeugenden Schlusspunkt: Der Clip "Jimi Hendrix on fire" ist so intensiv, dass man sich nicht wundern würde, wenn der brennende Gitarrengenius oben aus dem Bildschirm qualmte.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen