Von Alex Rühle

Finden wir nach einer Phase der kollektiven Verblendung durch Konsum nun wieder zu den alten Werten? Wohl kaum: Warum man nicht hoffen sollte, in der Krise zu sich zu finden.

Island im Winter 2008, ein extrem zugiger Ort. Die Finanzkrise ist über die kleine Insel im Nordatlantik hereingebrochen wie eine Naturkatastrophe, das vor kurzem noch prosperierende Land ist hoffnungslos verschuldet, die Arbeitslosenzahlen explodieren, die isländische Krone ist im freien Fall. Die Banker und Investoren, die jahrelang mit ihren Privatjets in einem Paralleluniversum unterwegs waren, um das Geld des ganzen Landes zu verzocken, redeten nach der Bruchlandung plötzlich vom nun gemeinsam zu durchleidenden Schicksal, betonten, wie wertvoll Gemeinschaft und Solidarität doch seien und setzten sich klammheimlich in wärmere Gefilde ab. Das kam den Isländern infam vor.

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Die Krise als Chance?

Aber seltsam - dieselben Leute, die sich ereifern über das leerdrehende Solidargerede der ehemaligen Bankenbesitzer, sprechen auch selber emphatisch von wiederzuentdeckenden Werten. Ob trockene Ökonomen oder knorrige Politaktivisten, die Schriftstellerin Audur Jonsdottir oder der Übersetzungswissenschaftler Gauti Kristmannsson, sie alle sehen die Krise als Chance zur Rückbesinnung:

Nach einer Phase der kollektiven Verblendung und Selbstentfremdung durch Mammon und Konsum werde man nun wieder zu den alten Werten finden, zum eigentlichen Kern des Lebens, zu Familie, Büchern und Natur. Die Krise wird die Menschen wieder zusammenbringen, hoffen sie - "it's cosy in a way", sagt Audur Jonsdottir, die Enkelin von Halldor Laxness. Ein wenig scheinen sie dabei aus dem Blick zu verlieren, dass für viele die Krise erst mal eins bedeutet: Unsicherheit, Einschränkung, Arbeitslosigkeit.

Da möchte man den Isländern doch mal die Marienthal-Studie in die Hand drücken: 1933 untersuchten österreichische Sozialwissenschaftler unter der Leitung von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld erstmals die Langzeitfolgen von Arbeitslosigkeit, indem sie mehrere Wochen in dem Dorf Marienthal verbrachten, wo durch die Schließung einer großen Textilfabrik die meisten Bewohner arbeitslos geworden waren.

Besondere politische Sprengkraft hatte seinerzeit die zentrale These der Arbeit von der "müden Gemeinschaft". Die bei einem Großteil der Arbeitslosen festgestellte resignative Antriebslosigkeit und die damit einhergehende Entpolitisierung und Selbstisolierung unterminierte die im sozialistischen Lager damals populäre Idee des Arbeitslosen als eines zornig-stolzen, revolutionären Subjekts. Die durch Arbeitslosigkeit gewonnene freie Zeit erwies sich kaum je als Gewinn im Sinne von Freizeit, viel eher zerfloss den Menschen ihre Zeit zu diffusgrauem Leerlauf. "Das Nichtstun beherrscht den Tag."

Psychische Langzeitfolgen

Von einer Renaissance der Werte, einem freien selbstbestimmten Leben oder der wenigstens partiellen Beschäftigung mit eigenen Interessensgebieten war wahrlich nichts zu spüren: Nach der Schließung der Fabrik gingen die Ausleihzahlen an der Marienthaler Bibliothek genauso dramatisch zurück wie die Abonnements der sehr preiswerten Arbeiterzeitung. Die Kinder dieser Arbeitslosen wuchsen meist weit weniger behütet auf als die Kinder von Leuten, die noch Arbeit und damit auch weniger Zeit für ein intensives Familienleben hatten.

Diese psychischen Langzeitfolgen der Arbeitslosigkeit, das entropisch Auszehrende, die Abkapselung und dumpfe Selbstverachtung - wann werden die wagemutigen und optimistischen Isländer sie am eigenen Leibe verspüren, und werden sie besser gegen sie gewappnet sein als die Marienthaler Arbeiter?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie hierzulande getönt wird.

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