Das Hörbuch Geräusch, Gerede

Michaela Meliáns Klanginstallation "Speicher" mit Chris Dercon und Stefan Merki huldigt großen Vorbildern aus den 1960er-Jahren - aber der Sound der frühen Jahre hat einen starken Rivalen: den Diskurs.

Von Jens Bisky

1965 lockten der Filmemacher Edgar Reitz, der Komponist Josef Anton Ridel und der Autor Alexander Kluge in München das Publikum in einen abgedunkelten Raum, Fußbodenfläche "frei begehbar". In "VariaVision - Unendliche Fahrt" wollten sie mit den Mitteln des Films Themenbereiche zugänglich machen, die außerhalb des im Kino Möglichen und Üblichen lagen. Die Ulmer Hochschule für Gestaltung, an der Kluge und Reitz damals unterrichteten, arbeitete eng mit dem legendären Siemens-Studio für elektronische Musik zusammen. Dieses Studio hat Michaela Melían in Zusammenarbeit mit den Kammerspielen und der Medienkunst-Abteilung des Bayerischen Rundfunks 2008 noch einmal zum Leben erweckt, auch eine Hommage an die verschollene intermediale Arbeit von Reitz, Riedl, Kluge.

"Speicher" hieß die Klanginstallation, die nun als Hörbuch veröffentlicht wurde. Es geht ums Reisen, ums Fremdsein, um Sehnsucht, Geheimnis, Erinnerung, Abschied, Bewegung - zumindest handeln die eingesprochenen Texte irgendwie davon: Anweisungen einer der Navi-Stimme, Passagen aus Bernward Vespers Beinahe-RAF-Roman "Die Reise" (1977), Alexander Kluges "mit dem Stadtplan von London den Harz durchwandern" und so weiter und so assoziativ. Aber es gibt keinen Überschwang und keinen Ausrutscher, nichts, woran sich Imagination oder Neugier heften könnten. Hier sind lauter Profis am Werk, unter ihnen Chris Dercon, der demnächst der Berliner Volksbühne die Avantgarde-Töne beibringen soll. "Speicher" gleicht einem aus Geräusch, Gerede, Musik gewobenen Klangteppich, der gern mit Diskurs verwechselt werden möchte.

Michaela Melián: Speicher. Mit Stefan Merki, Hans Kremer, Chris Dercon u.a. Belleville Verlag, München 2016. 1 CD, 53 Minuten, 15 Euro.