Das Erbe der "Böhsen Onkelz" "Südtirol ist nicht Italien"

Nicht alle Onkelz-Coverbands legen Wert auf so viel Distanz zur Neonazi-Szene, wie es das Original zuletzt getan hat. So trat die Bielefelder Gruppe Exitus Letalis mit den alten Liedern wie "Stolz" auf: "Deutschland-Fahne, denn darauf bist Du stolz. Man lacht über Dich, weil Du Arbeiter bist. Doch darauf bin ich stolz, ich hör nicht auf den Mist. Du bist Skinhead, Du bist stolz." Liedgut der aktuellen Rechtsrock-Band Sleipnir ist ebenfalls im Repertoire.

Zu sehen und zu hören waren Exitus Letalis unter anderem im Vorprogramm der Hooligan-Band Kategorie C, benannt nach der Polizei-Bezeichnung für gewalttätige Fußball-Fans. Wie Frei.Wild ist Kategorie C daran interessiert, die Vergangenheit ihres Sängers vergessen zu machen: Hannes Ostendorf gehörte früher zur Rechtsrock-Gruppe Nahkampf. Heute singt er: "Fußball bleibt Fußball - und Politik bleibt Politik."

Die angeblich unpolitische Haltung der Hooligan-Band aus Bremen ist ein Marketing-Gag. Das Thüringer Innenministerium glaubt der gewaltbereiten Gruppe allerdings und bewertete ihre Auftritte "nicht als rechtsextremistische Konzerte", wie aus der Antwort auf eine Landtagsanfrage hervorgeht. Erwähnt werden darin Gigs am 17. April und am 11. Dezember 2010. Drei Tage, bevor sich der Hitler-Geburtstag jährte, sang die Band im thüringischen Kirchheim: "Hoch auf dem gelben Wagen sitz ich beim Führer vorn . . ." Und in der Nacht zum dritten Advent intonierte Sänger Ostendorf im thüringischen Unterwellenborn den Refrainbeginn eines Songs der Band Kommando Freißler: "Eine U-Bahn, eine U-Bahn . . ." Und das Publikum sang weiter: ". . . bauen wir. Von Jerusalem bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir."

"Todesstrafe für Kinderschänder"

Die meisten Skinheads beim Stuttgarter Frei.Wild-Konzert tragen Fan-Kleidung der Südtiroler oder der Onkelz. Andere haben sich politische Shirts über den Glatzkopf gestreift, wie "Südtirol ist nicht Italien" oder "Todesstrafe für Kinderschänder", das für die gleichnamige Neonazi-Initiative steht. In einem Video-Interview heißt Sänger Burger solche Fans willkommen: "In Südtirol gibt's nun mal Skins, die auch das Recht haben, auf Konzerte zu gehen. Solange sich die Leute benehmen, bin ich sicher der Letzte, der sagt: ,Du darfst nicht reinkommen.' Warum? Mit welchem Recht? Nur, weil er anders denkt, weil er was anderes wählt?"

Im Titel "Schlauer als der Rest" versucht Frei.Wild, sich mit Ironie von der Nazi-Szene zu distanzieren: "All die Leute, die nicht arisch sind und nichts als Unruhe stiften. Gebt mir ein MG und ich werde sie vernichten. Denn nur ich, ich bin in Ordnung." Über den Hauptverantwortlichen für die Juden-Vernichtung im deutschen Nazi-Reich heißt es anschließend lapidar: "Adolf Hitler, Ehrenmann, war ein Teil vom ,Arschloch-Clan'." Dass die Bandmitglieder nach eigenem Bekunden Faschisten und Nationalsozialisten hassen, begründen sie übrigens patriotisch: "Unsere Heimat hat darunter gelitten."

"Wenn man Deutsch singt, haben einige Leute immer ein Problem damit"

Wie einst für die Onkelz scheint sich das "Böhse"-Buben-Image für die Südtiroler Identitätsrocker auszuzahlen. Für 100 000 verkaufte Exemplare ihres Albums "Gegengift" erhielten sie vor ihrem Stuttgart-Auftritt eine Goldene Schallplatte. Anschließend sang die Metal-Ikone Doro Pesch mit Philipp Burger im Duett, wozu Matthias "Gonzo" Röhr von den Böhsen Onkelz die Gitarre spielte.

In einem Interview sagte Doro über Frei.Wild: "Die Leute suchen halt immer nach irgendwelchen negativen Sachen, aber bei den Jungs von Frei.Wild habe ich von Anfang an ein total gutes Gefühl gehabt." Und: "Wenn man Deutsch singt, dann haben einige Leute immer ein Problem damit."

Im neonazistischen Thiazi-Forum wird Frei.Wild trotz seiner Distanzierungen von der Szene geschätzt: "Ich denke, dass Frei.Wild das genau richtig macht - eine rechte Einstellung in der Öffentlichkeit zeigen, bedeutet unterzugehen, die unpolitische Schiene zu benutzen bedeutet, eine große Masse ansprechen zu können." Ein anderer pflichtet bei: "Sie hatten immer ihren patriotischen Standpunkt in den Texten, ohne ins Extreme abzuschweifen. Das finde ich sehr hilfreich (im nationalen Sinne), denn damit erreichen sie gut ,normale' Leute, welche dadurch schneller ihre Vorbehalte gegenüber Patriotismus und Nationalstolz verlieren." So stiften Frei.Wild Identität - durch Musik.

Der Autor mit dem Pseudonym Thomas Kuban recherchiert seit zehn Jahren verdeckt in der Neonazi-Szene. Peter Ohlendorfs Dokumentarfilm "Blut muss fließen", der Kuban begleitet und seine Aufnahmen verwendet, hatte auf der Berlinale Premiere. Demnächst folgt ein Buch.