Von Christopher Schmidt

Stuhlgang, Blutsturz, Körperflüssigkeiten - und dann ein Pausenwasser: Das deutsche Theater hat den Schauspielern Gefühle verboten, hat dafür aber kaum mehr als Grobmotorik und Grenzüberschreitung zu bieten - so ist es total auf den Hund gekommen. Ein Manifest.

Mephisto hat unrecht: Blut ist kein ganz besonderer Saft. Sonst würde es nicht auf unseren Bühnen unverhältnismäßig vergossen. Es gibt schwarze Schafe, Dumping-Anbieter, die mit minderwertigem Schnäppchenblut locken. Aber auch Fachhandel und Internet halten laut Eigenwerbung eine "Riesenauswahl" an Augenblut oder Blutschorf für die Profis bereit. In Flaschen und Tuben, Tiegeln und Kapseln, flüssig oder geronnen - für jeden Geldbeutel und jedes Massaker gibt es eine passende Lösung. Schwieriger wird es bei anderen Körperflüssigkeiten. Solche Spezialinteressen fordern schon die hauseigene Requisite heraus. Da bedeuten zum Beispiel die Kotbeutel, die für Jürgen Goschs Düsseldorfer "Macbeth" Inszenierung naturalistisch befüllt werden müssen, nun ja, das große Geschäft.

Bild vergrößern

Vollgeschmiert und aus Kübeln übergossen, die Stimme übertönt von Pop-Songs, das Gesicht überschattet von Videoclips, spielt der Schauspieler das Lachhafte der eigenen Trash-Existenz gleich mit. Immer häufiger ähnelt sein Berufsalltag den Mut- und Ekelproben der MTV-Serie "Jackass". (© Foto: dpa)

Anzeige

Weniger gut aufgestellte Theaterhäuser besinnen sich bei solchen Verlegenheiten darauf, dass sie Kunst machen, und setzen auf "Zeichenhaftigkeit". So etwa neulich in Berlin, am Maxim Gorki Theater. Dort sollten mit Glibber gefüllte Blecheimer, grob gesagt, zum Ausdruck bringen, dass Männer wahrscheinlich nichts anderes sind als ein globales GangBang-Rudel. Zumindest aber war der Regieeinfall eimerweise durch das Stück gedeckt, denn es ging darin um die Liebe, so wie sie im deutschen Theater nunmal vorkommt: als Fist- und Foot-Fucking, später kamen noch Sling-Sex und Vergewaltigung dazu. Wer im deutschen Theater unterwegs ist, lernt schnell, dass "bizarr" nur eine Genrebezeichnung in der Erwachsenenunterhaltung ist.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 5 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Im Verführerbunker
  2. Im Verführerbunker
  3. Im Verführerbunker
  4. Im Verführerbunker
  5. Im Verführerbunker
Leser empfehlen