"Der Krieg in unseren Städten" lautete der Titel eines 2003 erschienenen Buchs, das für die paranoide Richtung der Islamkritik typisch ist. Udo Ulfkotte, der Autor, forderte darin unter anderem die Aufstockung der GSG 9 und anderer Antiterrorkommandos, damit wir gegen die zu erwartenden Angriffe von Muslimen aus dem Inneren unserer Gesellschaft gewappnet sind. Nun aber wollte den "Krieg in unseren Städten" ausgerechnet jemand auslösen, der derselben anti-islamischen Denkschule wie Ulfkotte angehört. Die Aufstockung der Anti-Terror-Einheiten zu fordern: Es klingt, von heute aus betrachtet, als habe uns Ulfkotte damit vor der Radikalisierung seiner eigenen Ideen schützen wollen.
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Der Hass auf den Islam und die paranoiden Ängste vor einer islamischen Unterwanderung Europas haben Breivik also nicht zum Krieg gegen die Muslime veranlasst (auch wenn unter seinen Opfern zahlreiche muslimische Einwanderer oder deren Kinder sind), sondern zu einem maximal brutalen Schlag gegen die eigene Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund besteht das eigentliche Trauma der Islamkritik nicht darin, dass Breivik ihre Ideen zitiert und sich daraus eine licence to kill gebastelt hat, sondern dass seine Tat unmissverständlich die wahre Stoßrichtung dieser Bewegungen offenlegt: die eigene Gesellschaft, wie sie nun einmal ist: Europa, der Westen selbst.
Der 22. Juli 2011 hat gezeigt, dass die greifbarste Frucht der islamkritischen Aktivitäten bislang nirgendwo die Zurückdrängung des Islams ist, sondern nur die Spaltung eben derjenigen Gesellschaft, für die die Islamkritik zu sprechen vorgibt, die sie verteidigen und stärken will. Die anderen, lernen wir jetzt, sind wir selbst. Die Anti-Islam-Bewegung hat nicht den Hass gegen den Islam, sondern den gegen das heutige Europa hochgepäppelt, gegen jeden europäischen Bürger und erst recht jeden Politiker, der den Makel hat, sich nicht von ihr irre machen zu lassen.
Niemand, nicht einmal die entschiedensten Kritiker der Anti-Islam-Bewegung, haben das ganze Ausmaß dieses autoaggressiven Potentials erahnen können. Vielmehr haben wir uns von der Rhetorik der Anti-Islam-Bewegung, ja vom bloßen Namen "Islamkritik" in die Irre leiten lassen. In Wahrheit ist der Islam hier nur die (stark überstrapazierte) Bande, über deren Umweg die Kugeln der Kritik die eigene Gesellschaft anstoßen sollen. Die Islamkritiker kritisieren den Islam und meinen die eigene Gesellschaft, die nicht so ist, wie sie sie sich wünschen.
Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" war ein Paradebeispiel dafür, wie eine im Prinzip hilfreiche, aber offenbar wenig willkommene Kritik (am nicht mehr finanzierbaren Sozialsystem, am Werteverfall, an Bildungsferne und anderem) in eine unfruchtbare und überaus hässliche Islamdebatte verdreht wurde, sodass sie sich damit am Ende selbst kastrierte. Sarrazin, der als Beamter gute Arbeit geleistet und uns sicher etwas zu sagen gehabt hätte, ist in die Falle getappt, die sich die Islamkritik immer selbst stellt, wenn sie behauptet, wir litten weniger an uns selbst als an den anderen.
Viele gegensätzliche gesellschaftliche Visionen
Es mutet vor diesem Hintergrund naiv an, an der Islamkritik vornehmlich das verzerrte, kenntnislose und oftmals zu rassistischen Stereotypen erstarrte Islambild zu bemängeln. Man ist ihr damit nur auf den Leim gegangen. Viel besser wäre es gewesen, mit Nachdruck die Vorstellungen der Islamkritiker von ihrer eigenen Gesellschaft herauszuarbeiten. Denn je genauer man hinschaut, desto klarer wird: Hinter dem gemeinsamen Feindbild Islam verbergen sich viele, oft sehr gegensätzliche gesellschaftliche Visionen. In der Ablehnung der gegenwärtigen Zustände ähneln sie sich, in ihren Zielvorstellungen sind sie äußerst verschieden.
Die islamkritische Bewegung einer Differenzierung zu unterwerfen, wie es nach dem 22. Juli kaum anders möglich sein wird, bedeutet, ihr den "Islam" aus dem Namen zu streichen und sie, nackt wie sie dann vor uns steht, noch einmal zu fragen: Was will sie? Die Spreu vom Weizen, das Indiskutable vom Diskutablen wird dann leichter zu trennen sein.
Der Autor ist Islamwissenschaftler, Autor, Übersetzer und Chefredakteur der vom Goethe-Institut herausgegebenen arabischen Zeitschrift Fikrun wa Fann (Kunst und Gedanke). Demnächst erscheint: "Aufbruch in die Vernunft. Islamdebatten und Islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen" (Bonn 2011).
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(SZ vom 29.07.2011/cris/pak)
Partyzone Flußufer
Stefan Weidners nächstes Buch heißt "Aufbruch in die Vernunft". Das ist sehr gut.
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Der Artikel ist gut, denn er hält jenen, die anderen das Recht auf Differenzierung verweigern den Fakt vor, dass auch ihnen die Differenzierung verweigert werden kann.
Allerdings stimme ich beim Thema Sarrazin nicht zu. Seine "Kritik" war wenig willkommen, weil sie vom Prinzip her nicht hilft.
"Das Massaker von Norwegen enthüllt die gravierenden Irrtümer der Islamkritiker: Nicht etwa ein Muslim zog in den Krieg gegen den Westen - der Täter gehört vielmehr derselben Denkschule an wie sie selbst. Damit wird deutlich: Die wahren Gegner der Anti-Islam-Bewegung sind nicht die Muslime. Es sind die eigenen Mitbürger."
Nicht jeder, der schreibt, kann oder auch: sollte schreiben. Als Chefredakteur (immerhin!) einer Fach-Zeitung sollte man nicht so krude agieren wie es dem Autor gelungen ist.
"Nicht etwa ein Muslim zog in den Krieg gegen den Westen - der Täter gehört vielmehr derselben Denkschule an wie sie selbst." Hier wird ein Gegensatz angedeutet, der aber gar nicht ausgeführt wird. Stattdessen wird ein Bezug zum ersten Satz hergestellt. "sie " werden wohl die Islamkritiker sein. Aber von einer Denkschule für Islamkritiker haben wir noch nichts erfahren, diese wird einfach postuliert, und ein Massenmörder ist auf jeden Fall auch auf dieser Schule. Damit werden alle Islamkritiker in eine untragbare Ecke gedrängt, ja diffamiert. Ohne Begründung.
Die beiden letzten Sätze der Einführung mit ihrer tollen Erkenntnis sind nun wieder ohne Zusammenhang zum Vorhergehenden. Hier beschreibt sich der Autor selbst, nämlich das er einer der wahren Islam-Befürworter ist, also ein Gegner der Anti-Islam-Bewegung, denn auch er ist ein Mitbürger, und so ordnet er den nun folgenden Artikel als Pamphlet ein, was das Lesen eigentlich erübrigt.
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