Bevor sie fallen konnte, musste Whitney Houston nach den Gesetzen der Branche aber zunächst ganz nach oben - und höher als sie stiegen in den achtziger Jahren nur wenige. Bereits das zweite Album, "Whitney", schoss über Nacht an die Spitze der US-Charts und brachte diese unglaubliche und bis heute unerreichte Serie von sieben Nummer-eins-Hitssowie den zweiten Grammy Award. Whitney Houston wurde zur erfolgreichsten Sängerin der Welt und blieb doch ein unbeschriebenes Blatt. Keine Drogen, keine Sex-Geschichten, überhaupt wenig Privates. Von ihren Konzerten hieß es, sie seien perfekt, aber es fehle ihnen an Seele. Der Boulevard begann, sich ein wenig über das Sauberfräulein lustig zu machen. Was Anfang der Neunziger folgte - ein weiteres Album, der Film "Bodyguard", die Hit-Single "I will always love you" - war immer noch enorm erfolgreich, doch es konnte der Whitney-Geschichte nichts hinzufügen. Die blieb überschaubar und auf makellose Weise unfertig.
2006 präsentierten sie sich als glückliche Familie: Von ihrem Mann Bobby Brown ist Whitney Houston seit zwei Jahren geschieden, Tochter Bobbi lebt heute bei ihr. (© Foto: Reuters)
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Wenn sich bei "Deutschland sucht den Superstar" eine Kandidatin vorwerfen lassen muss, sie sei "zu perfekt", dann kann man das zynisch finden. Aber es erzählt eben auch etwas über dieses Geschäft, in dem nie nur die Stimme, sondern immer auch die Biographie zu Markte getragen wird. 1992 heiratete Whitney Houston den R&B-Sänger Bobby Brown und schlingerte alsbald durch die Klatschblätter wie ein Dreimaster, an dessen Steuer keiner mehr steht. Kurz: Sie gab den Leuten etwas, über das sie reden konnten.
"Whitney Houston wiegt nur noch 40 Kilogramm!" (Hello Magazine). "Whitney und Bobby: Schlägerei in L.A." (USA Today). "Whitneys Tochter hat ihre Mutter mit einer Rasierklinge bedroht und dann versucht, sich umzubringen." (People Magazine). "Whitney Houston ist tot" (Radiomeldung aus dem Jahr 2001). Es war die Zeit, in der jeder alles behaupten konnte, weil es an Bord der Whitney keinen mehr gab, der noch hätte dementieren können.
Fotos zeigten die einstige Diva als ausgemergeltes und verwirrtes Drogenwrack, offenbar kam in dieser Lebensphase alles zusammen: Eheprobleme, Handgreiflichkeiten, der Streit um das Sorgerecht für die Tochter, nicht zuletzt Alkohol, Marihuana, Crack und Kokain. Whitney Houston erschien nicht mehr zu Proben, sagte Termine und Konzerte ab, sie ließ sich in eine Entzugsklinik einweisen und rannte nach wenigen Tagen wieder davon. In einem ihrer raren Interviews, bei denen sie noch bei Bewusstsein war, sagte sie: "Ich bin mein schlimmster Feind."
Am 1. September wird also, nach einer Pause von sieben Jahren, ihr neues Album "I look to you" erscheinen. Der Titelsong ist eine schmelzende, eingängige Ballade, die an das Frühwerk nahtlos anschließen würde - wäre in der Zwischenzeit nicht alles anders geworden. Diesmal gibt es ja etwas, von dem Whitney Houston erzählen könnte, und sie selbst hat diese Erwartung noch geschürt. Die Aufs und Abs der letzten Jahre, den Schmerz, die Verzweiflung, all dies werde man auf ihrem Album wiederfinden. "Das macht es wahrhaftig." Schon jetzt wird in den Musikforen im Internet jede Zeile der Lyrics auf ihren selbstreflexiven Gehalt hin abgeklopft, werden Vermutungen angestellt und Schlussfolgerungen gezogen - es gibt kein besseres Marketing als den möglichen Blick durchs Schlüsselloch auf ein kaputtes Leben. War Whitney nicht in der Hölle? Ist sie nicht deshalb zurückgekommen, um uns davon zu erzählen?
Von ihrem Mann Bobby Brown ist Houston seit zwei Jahren geschieden, die 16-jährige Tochter Bobbi lebt bei ihr. Es heißt, die Sängerin nehme schon länger keine Drogen mehr, habe ihr Leben wieder im Griff und sei bereit für "das Comeback des Jahres". Falls sie glaubt, die Vergangenheit irgendwann abhaken zu können, so hat ihr Publikum vorerst wenig Interesse daran. "Wird sie kommen?", notierte der Redakteur eines deutschen Promi-Blatts beim PR-Termin in London. "Die Spannung im Ballroom des Mandarin Oriental-Hotels steigt."
So viel Drama gibt die wiedergeborene Whitney allemal her.
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(SZ vom 29.07.2009/jeder)
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