"Dark Matter" von Randy Newman Das irrste Stück des Albums ist "Putin"

"Lost Without You" ist eine fürchterlich deprimierende Geschichte von Alter und Demenz, unterlegt von schweren Streichern. "She Chose Me" ist eins von diesen Liebesliedern, in denen der Sänger staunt, warum die wunderbare Frau eigentlich ausgerechnet mit ihm, dem Nichtsnutz, zusammen ist: "I'm not much to talk to / And I know how I look / What I know about life / Comes out of a book / But of all of the people / There are in the world / She chose me".

"On The Beach" erzählt zu Schunkeljazz die rührende Geschichte eines Kerls, der in jungen Jahren irgendwie in der Strandromantik hängen geblieben ist und heute als Obdachloser zwischen neuen Schnellstraßen übernachtet, genau da, wo es einst schön war. Eine traurige Miniatur in starken Bildern, dazu täuschend gemütlicher Strandpromenadenswing: Wer bitte außer Newman macht so etwas sonst? Da fällt einem höchstens noch Tom Waits ein - beide wühlen gern in denselben Kisten mit den Erinnerungsstücken der amerikanischen Songwriter-Tradition, beide lieben Geschichten über Sonderlinge, beide singen, nun ja, eher auffällig.

Fein komponierte Kammermusik wie für die Leinwand geschrieben

Das irrste Stück des Albums ist "Putin": Zu überdrehter Revue-Musik besingt Newman den russischen Präsidenten, der gern den harten Kerl mit freiem Oberkörper gibt, als Comedy-Figur, als selbstherrliche Nudel. "He can drive his giant tractor / Across the trans-siberian plain / He can power a nuclear reactor / With the left side of his brain" - er fährt auf einem Riesentraktor durch Sibirien und kann einen Atomreaktor mit seiner linken Hirnhälfte steuern. Dazu Musical-Hektik, ein Saloon-Frauenchor ("It's the Putin girls!"), eine einzige gigantische Farce, ganz großes Kino, ein Song wie ein Mel-Brooks-Film.

Dabei wollte Newman ja viele Jahre lang irgendwie vom Kino wegkommen. Er hatte gleich drei Onkel, die große Filmkomponisten waren, Alfred Newman allein hat sagenhafte neun Oscars gekriegt. Dass Neffe Randy sich auskennt, dass er mit Jazz aufgewachsen ist und später Musik studierte, das war immer deutlich zu hören. Er konnte mal eben Gershwin-Akkorde rausperlen, wenn es ihm gefiel, auf seinen Platten findet sich immer wieder fein komponierte Kammermusik. Und vieles wirkte wie für die Leinwand geschrieben. Tatsächlich hat ja Newman in all den Jahren auch viel Filmmusik komponiert, unter anderem für "Ragtime" und "Zeit des Erwachens".

Er ist selbst ein großer Geschichtenerzähler

Aber er wollte nicht nur die Begleitmusik für die Geschichten anderer schreiben, er ist ja selbst ein großer Geschichtenerzähler, einer, der Figuren erfindet und sie in seinen Liedern auftreten lässt, zu Szenen arrangiert, ins Unglück stürzt, in den Himmel erhebt. Sein Pech oder Glück, dass er mit den Soundtracks erfolgreicher wurde als mit allem anderen. Er ist seit Jahren der Hauskomponist von Pixar, hat die Musik für alle "Toy Story"-Filme geschrieben, für die "Monster AG", für "Cars", dazu die Soundtracks für Ben Stillers "Meet The Parents"-Reihe. Inzwischen hat er zwei Oscars, sechs Grammys, drei Emmys und einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

Klar, da kann einer leicht sagen, er habe einfach keine Lust mehr gehabt, ein Al-bum aufzunehmen. Vielleicht hat er aber all die viele Zeit von Album zu Album einfach gebraucht, um zu sich selbst zu finden: Auf "Dark Matter" lässt Newman seine verschiedenen Welten endlich so hemmungslos aufeinanderkrachen wie nie zuvor. Liedermacherkunst und gesungenes Kino, Satire, Pop, Jazz und weiß gelocktes Eigenbrötlertum. Mal zart und wehmütig, mal ganz groß inszeniert, mit Pauken und Trompeten - im übertragenen wie wörtlichen Sinne. Ein buntes, lautes, herrliches Affentheater.

Ein Song über Donald Trump?

Ach so, eins noch: Hätte ein Künstler wie Randy Newman nicht längst einen Song über Donald Trump schreiben müssen? Wo ist der König der Pop-Satiriker, wenn man ihn braucht? Die Antwort: Er hat längst einen geschrieben.

In einem Interview verriet er gerade den Text, es wurde ein Lied, das vom ewigen Schwanzvergleichen handelt, gipfelnd in dem Refrain: "There's my dick / Isn't that a wonderful sight? What a dick / What a dick!" Die Zeilen handeln im amerikanischen Englisch natürlich nicht nur vom Unterleib, sondern können eben auch bedeuten: "Was für ein Trottel." Ziemlich passend also. Aber dann hat Newman den Song einfach weggeworfen. Sein Argument: "Ich wollte zu dem ganzen grässlichen Thema nicht auch noch was beitragen." Wahre Größe.

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