"Dark Matter" von Randy Newman Mit Putin auf dem Traktor

Neun Jahre hat Randy Newman auf sich warten lassen, jetzt ist er mit "Dark Matter" zurück.

(Foto: Pamela Springsteen/Warner)

Randy Newman, der König der Pop-Satiriker, ist zurück. Auf seinem famosen neuen Album jagt er einmal quer durch die amerikanische Musikgeschichte - und besingt den russischen Präsidenten.

Von Max Fellmann

Es ist, als tauchte beim Familientreffen nach langen Jahren der eine merkwürdige Onkel wieder auf. Ach ja, der! Hat der nicht früher immer so verschrobene Witze erzählt? Und spätabends mit quäkiger Stimme lauter böse Lieder gesungen, über die anderen Onkel und über die Nachbarn? Ganz schön alt ist er geworden. Warum war der eigentlich so lang nicht mehr da?

Ja, wo war Randy Newman so lang? Sein letztes Album hat er vor neun Jahren veröffentlicht, davor war (abgesehen von ein paar Neueinspielungen alter Songs) auch schon neun Jahre Pause. Nennt man das noch Karriere? Seine Erklärung, vor Kurzem in einem Interview dahingeschnoddert: Er habe keine Lust gehabt. In ein Studio gehen und Songs aufnehmen, das sei eben einfach nicht besonders aufregend. Fertig, aus.

Hübsche Melodien und großartig böse Texte

Na ja, ein bisschen wunderlich war er immer - inzwischen ist er noch dazu 73 Jahre alt, ziemlich behäbig und sehr weißhaarig. Altersmäßig gehört Randy Newman, geboren 1943 in Los Angeles, zur Generation der Beatles und Rolling Stones. Aber er wurde er erst viel später bekannt, Anfang der Siebzigerjahre. Ein linkischer Typ mit großer Brille, Sozialkundelehrersakko und einem Schwung Lieder, denen man die Liebe zum Jazz anhörte, zum Broadway, zum Schwarz-Weiß-Film. In die hübschen Melodien verpackt dann aber: großartig böse Texte, sarkastische Beschreibungen dumpfer Patrioten und Parodien amerikanischer Politiker, die sich dank Atombombe für übermenschlich halten ("Political Science").

"Short People" wurde 1977 zum Klassiker, geschmeidiger L. A.-Pop, dazu dann aber der berüchtigte Text: Ich mag keine kleinen Menschen, kleine Menschen haben keinen Grund zu leben, sie haben kurze Babybeine und so weiter. Es war klar, wie das gemeint war, so überdeutlich, ein Lied über Vorurteile.

Aber prompt nahmen viele den Text für bare Münze und demonstrierten gegen Newman. Also: Skandal. Also: Hit. Keiner brachte Satire und Ohrwurm so auf einen Nenner wie dieser eigenartige Typ. Bis heute ist er auf dem Feld ziemlich allein, eine Art Georg Kreisler der Westcoast.

Donald Trump "ist böse"

Seine sarkastisch-satirischen Texte machten Randy Newman in den 70er Jahren berühmt. Mit "Short people got no reason to live" überzeichnete Newman vorurteilsbehaftete Menschen und zeigt in seinen bissigen Texten ihre Verblendung. mehr ...

Jetzt hat sich der weißhaarige Mann also wieder einmal in ein Studio bemüht und neue Songs aufgenommen. Und anscheinend kam in der langen Pause seit dem letzten Album dann doch viel zusammen, was rausmusste: "Dark Matter" ist Randy Newman in hochverdichtet. Es geht los mit der atemlosen Zirkusvorstellung "The Great Debate": pathetisches Intro, dann Jazz-Nummer, ein paar Takte Gospel, auf einmal schräge Geigen, Märchenerzählerstimme, plötzlich Spukmusik, harter Wechsel zur Nachtclub-Säuselei, wieder zurück zum Gospel, dann eine Art Hymne, die gleitet in eine Country-Rock-Nummer, wieder Geigen, ein pathetisches Ende, das zu jedem Republikanerparteitag passen würde, schließlich die Ziellinie, Schlussakkord. Wumm. Die halbe amerikanische Musikgeschichte in acht Minuten, neun Sekunden. Dagegen ist "Bohemian Rhapsody" ein Kinderlied. Und im Text wird nicht weniger verhandelt als der ganz große Streit zwischen Wissenschaft und Religion, es geht um die Evolution, Charles Darwin taucht auf, Newman macht sich lustig über Kreationisten und Orthodoxe aller Art, singt mit verschiedenen Stimmen alle Personen und Rollen, dazwischen gibt er auch noch den Erzähler. Absolut irre. Und irre gut.

Aber Newman hat in all den Jahren, schon zu "Short Poeple"-Zeiten, auch hemmungslos romantische Songs geschrieben, große Liebeshymnen, kleine Alltagsgeschichten. So sehr er in manchen Momenten wie ein singender Michael Moore klang, so freudig johlte er plötzlich Cowboy-Songs (bei "Rider In The Rain" sangen sogar seine Freunde von den Eagles den Chor). Auch auf "Dark Matter" gönnt sich Newman wieder tolle, große Tränendrüsenmomente.