Soweit mir bekannt ist, haben die großen Theater im deutschsprachigen Raum, und das sind ja jene, an denen eher forciertes und forderndes Theater gemacht wird, überhaupt kein Zuschauerproblem - und Produktionen wie meine Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns" zeigen, dass man auch mit experimentellem Theater ein sehr breites Publikum erreichen und berühren kann. Zu guter Letzt gibt es noch die Mär von den Autoren, die angeblich auf Kosten der Regisseure zurücktreten müssten. Dabei gibt es eine Vielzahl fruchtbarer Allianzen zwischen Regisseuren und Autoren, von denen beide profitieren - etwa die zwischen Dea Loher und Andreas Kriegenburg, zwischen Roland Schimmelpfennig und dem leider verstorbenen Jürgen Gosch oder zwischen Elfriede Jelinek und mir.

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Nein: Wer von "Regietheater" redet, dem geht es um irgendetwas anderes als um eine Kritik am Theater.

Was schade ist - eine fundierte Debatte über gegenwärtige Aufgaben, Ästhetiken, Möglichkeiten und vor allem auch Defizite des Theaters ist und wäre wünschenswert, wird aber von genau dieser Art unspezifischer Polemik verhindert. Natürlich gibt es an vielen aktuellen Tendenzen im Theater entsetzlich viel auszusetzen. Vieles ist grauenvoll, überflüssig, modisch, undurchdacht, langweilig und epigonenhaft. Und oft hat das mit schlechter Regie zu tun. Aber mit "Regietheater"? Was, um Max Reinhardts willen, hat man sich heute darunter vorzustellen?

Kehlmann selber bleibt die Antwort schuldig. Stattdessen betet er ahnungslos auch noch die letzten Stereotypen aus der Mottenkiste des "Regietheater"-Hassers nach, und - was etwas peinlich ist - ganz Salzburg scheint zuzustimmen: "Regietheater" zeichnet sich demnach aus durch "Beschmiertsein, Gezucke, hysterisches Geschrei und Spaghettiessen".

Was meint der Mann? Wann wurden zuletzt auf einer Bühne Spaghetti gegessen? Hat Stanislawski das nicht mal inszeniert? Hilfe! Wovon reden die? Aber der Chor der "Regietheater"-Polemiker will nicht konkret werden, sie wollen einen Stellvertreterkrieg führen, jeder seinen eigenen, und je unspezifischer man da bleibt, desto weniger fällt das auf.

Theater ist jetzt, Theater ist vergänglich

Das Problem, von dem Kehlmann vielleicht eigentlich reden wollte, scheint mir ein ganz anderes zu sein: Die Gedächtnislosigkeit des Mediums Theater. Das Wesen des Theaters als Medium und Kunstform ist dessen Vergänglichkeit. Eine Inszenierung ist irgendwann abgespielt, man kann sie nicht, wie ein Bild oder einen Roman, nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten wieder hervorholen und einer erneuten Betrachtung unterziehen. Wer Erfolg hat, hat in der Gegenwart Erfolg. Wer scheitert, kann nicht heimlich auf eine Entdeckung durch spätere, wissendere Zeiten hoffen ("Dem Mimen flicht man . . ." und so weiter.)

Das ist in der Tat grausam, und je älter man wird, desto furchtbarer erscheint die Aussicht, dass all das, was man geschaffen hat, ohne Spuren bleiben wird. Natürlich ist es tragisch, wenn ein Regisseur wie Kehlmanns Vater, der offensichtlich einige Zeit erfolgreich und vielleicht sogar künstlerisch relevant tätig war, vergessen wird und in völliger Bedeutungslosigkeit versinkt, weil die Zeit weiter schreitet und sich die ästhetischen Vorstellungen der Zuschauer und der Kritik ändern.

Und natürlich liegt es nahe, hierüber zu verbittern und der weitergeschrittenen Zeit die Schuld hieran zu geben. Kehlmanns Vater, der zur Zeit seines Karriereknicks vor den Ohren seines Juniors über das "Regietheater" gewettert haben dürfte, wird damit diejenigen gemeint haben, die ihn damals, in den siebziger Jahren, aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verdrängt haben. Regisseure mit eigener Handschrift und politischen Ansätzen, die erfolgreicher waren als er. Regisseure, gegen die man schon damals mit dem Begriff "Regietheater" polemisiert hat. Regisseure wie Zadek, Peymann, Stein. Lustigerweise sind es genau dieselben, die ja heute auf ganz ähnliche Weise gegen aktuelle Theatertendenzen wettern, denen sie nicht mehr folgen können und die ihnen die Aufmerksamkeit streitig machen.

Kleiner Geist und enges Herz

Im Aufschrei gegen das "Regietheater" treffen sich also die Konservativen von vor dreißig oder vierzig Jahren, die seit damals den Niedergang des Theaters beklagen, mit eben jenen, die damals als Vertreter des "Regietheaters" galten, und die heute beleidigt sind, dass sie den Anschluss an den Diskurs verpasst haben. Mit heutigen Theatertendenzen hat das wenig zu tun. Eher mit einem dem Theater wohl immanenten Spiel: Diejenigen, die aus dem Markt zu kippen drohen, giften über den allseitigen Kulturverlust und die Verflachung und Verblödung des jeweils angesagten Theaters. Man schreit verzweifelt gegen sein eigenes Verschwinden an. Und die jeweilige Kritikergeneration macht aus den gleichen Motiven mit.

Das ist nachvollziehbar - sympathisch ist es nicht. Im Gegenteil zeugt es eher von Kleingeistigkeit und Engherzigkeit. So wird man auch bei den Tiraden eines Claus Peymann oder Peter Stein den Verdacht nicht los, es gehe ihnen nicht primär um Kunst oder Inhalte, sondern um Selbstbehauptung auf dem Markt der Eitelkeiten. Da ist keiner vor gefeit - aber man möge mir bitte ein Regiebuch auf den Kopf hauen, wenn ich dieses Spiel irgendwann meinerseits zu spielen beginne.

Und für Kehlmann habe ich noch einen Tipp: Sollte er im Laufe des Trubels, der nun auf seine Rede folgt, überraschend doch noch ein Interesse für Theater entwickeln, so kann er sich ja vielleicht mal meine Inszenierung von "Die Räuber" anschauen. Erklärtes Ziel dieser Inszenierung war es, Debatten wie diesen ein für allemal den Boden zu entziehen (hat ja offensichtlich nicht geklappt). Die Inszenierung nimmt Begriffe wie Text- und Werktreue genau beim Wort, so sehr, dass daraus eine ganz neue, gleichermaßen künstlerisch eigenständige wie dem Text dienende Form entsteht, gleichzeitig klassische Tragödie und Performance. Die alten Kampfbegriffe zerschellen - der Text wird in Theater übersetzt, das Stück wird hergestellt, der "Zeitwiderstand überwunden" - und dem Publikum gefällt's. Selbst Besuchern aus dem Ausland! Und das alles auch noch in historischen Kostümen!

Dass die Premiere der "Räuber" vor einem Jahr ausgerechnet bei den Salzburger Festspielen stattfand, am gleichen Ort also, an dem jetzt Kehlmanns Rede so unwidersprochen mit Beifall bedacht wurde - das ist dann wohl nur ein weiteres Indiz für die Gedächtnislosigkeit des Mediums Theater. Und die ist, wie gesagt, grausam.

Nicolas Stemann, Jahrgang 1968, ist einer der namhaftesten Regisseure des deutschsprachigen Theaters. Mit seiner Salzburger Inszenierung von Schillers "Die Räuber" (2008) war er beim diesjährigen Theatertreffen in Berlin vertreten. Zuletzt inszenierte er Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenkomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" am Schauspiel Köln.

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(SZ vom 30.7.2009/jeder)