Daniel Barenboim wird 70 Jeder Moment des Lebens: Musik

Beim Dirigenten Daniel Barenboim schließen sich Nonchalance, Künstlertum und politisches Engagement nicht aus. Der Schüler Wilhelm Furtwänglers hat gerade in Berlin eine Akademie für Nachwuchsmusiker aus dem Nahen Osten ins Leben gerufen. Nun wird der Kosmopolit siebzig.

Von Wolfgang Schreiber

Daniel Barenboim im Januar 2009 in der Staatsoper in Berlin

(Foto: dapd)

Wenn Daniel Barenboim sich mit Hut und Zigarre im Hollywood-Stil der Vierzigerjahre ablichten lässt, auf dem Cover des Saisonbuchs seiner Berliner Staatsoper, dann will er mit dieser Art von Selbstinszenierung der Musikwelt nicht ohne Ironie und einen Schuss Eitelkeit vermitteln: Auch ich schätze, wie der Filmheld, Statussymbole von Männlichkeit, Unerschrockenheit, Genussfreude - nur dass Humphrey Bogart lieber nervös an der Zigarette zog.

Bei Barenboim schließen sich Nonchalance, Künstlertum und politisches Engagement nicht aus, der Mann hat viele Neigungen. Einerseits: Dass er ein glückliches Wunderkind am Klavier gewesen ist, spürt man an der Zwanglosigkeit seines Auftretens, auf dem Podium musizierend oder vor Kameras redend. Andererseits: Wenn er in der Knesset in Jerusalem 2004 in seiner Dankesrede für den Wolf-Preis den Staat Israel angreift, weil die Kontrolle und Besetzung der Palästinenser gegen die in der Unabhängigkeitserklärung geforderte Gleichberechtigung aller israelischen Bürger und Volksgruppen verstoße, entfacht er den Eklat, wörtlich: "Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist?"

Auch Barenboim kann sagen, er sei ein Berliner: Der in Buenos Aires geborene, dort und in Israel aufgewachsene Dirigent und Pianist russischer Abstammung ist seit 1991 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Vertrag bis 2022, dazu Dirigent der Staatskapelle Berlin mit ihrer alten Klangkultur. Musikchef der Mailänder Scala, Gründer und Leiter des hochsymbolischen, israelische und arabische Musiker vereinenden Jugendprojekts West-Eastern-Divan-Orchestra, mit dem er in der Welt gastiert. Barenboims musikalische und musikpolitische Betätigungslust bis in die Verausgabung hinein scheint keine Grenzen zu kennen.

Ein Empfehlungsschreiben für die nächsten zwanzig Jahre

Aber sein musikalisches Ohr hört, es fühlt "deutsch". Das hat er früh in sich aufgenommen, das stand mal für Gründlichkeit, Gelehrsamkeit, Ernsthaftigkeit des Musizierens aus einer dichten und tiefen Klangvorstellung heraus, kaum vereinbar mit den Erfolgskriterien Perfektion oder Virtuosität. Die altväterischen Orchester Leipzigs und Dresdens sowie Barenboims Staatskapelle im alten Ostberlin haben, durch kulturelle Abgeschiedenheit der DDR, sich den historischen Klang und Geist erhalten. Barenboim pflegt ihn, wenn er Beethoven und Bruckner dirigiert.

Als Kind gelangt er mit den Eltern an die Quelle musikalischer Klassik, zu Kursen nach Salzburg. Dort dirigiert Wilhelm Furtwängler seinen letzten "Don Giovanni", der Knabe sitzt in den Proben, er darf ihm vorspielen. "Der elfjährige Barenboim ist ein Phänomen . . .", der Satz Furtwänglers sichert dem Jungen die Zukunft: "Dieser Brief wurde für die nächsten zwanzig Jahre mein Empfehlungsschreiben", so Barenboim im Buch "Die Musik - mein Leben".