"Damn" von Kendrick Lamar Wenn sich jeder Vers auf "shit" reimt

Doch, das ist schon super, und sehr hart, und inhaltlich so dicht, dass man kaum noch dazu kommt, das Musikalische zu preisen - zum Beispiel, wie toll an anderen Stellen auf diesem Album die hart angeschnittenen Gospel- und Soul-Samples über trockenste West-Coast-Beats gestreut sind, oder wie moderne Trap-Einflüsse mit boomenden Bässen und schwirrenden Hi-Hats doch an keiner Stelle den Eindruck erwecken, als wolle hier jemand auf Teufel komm raus zeitgenössisch klingen.

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Und trotzdem hätte man "Damn." noch nicht ausreichend gewürdigt, wenn man nicht auch auf Kendrick Lamars besondere Reimstrategie eingehen würde. Lamar ist nämlich der Meister des sogenannten identischen Reims, einer Sonderform des rührenden Reims. Bei ihr geht es darum, das Reimsoll derart überzuerfüllen, dass am Ende jedes Verses ein und dasselbe Wort steht. Eigentlich eine sehr verpönte Reimform, zumindest wurde sie in der deutschen Dichtung seit dem Barock geschmäht. Denn worin liegt die Kunst, wenn das Streben nach möglichst viel Gleichklang dazu führt, dass am Ende jeder Zeile dasselbe Wort steht?

Weiß Lamar etwa, wie man den Teufelskreis des Immergleichen durchbricht?

Kendrick Lamar suhlt sich geradezu in identischen Reimen. Weil es ihm darum geht, Texte zu erschaffen, die so redundant scheinen, dass sie schon klaustrophobisch wirken. Als gebe es kein Entkommen aus diesen Versen, die so etwas wie Loops sind. Im Track "DNA." zum Beispiel behandelt er Fragen der genetischen Vorbestimmtheit - wofür sich ein identischer Reim ausgezeichnet eignet. Haben sich die Traumata der Sklaverei transgenerational vererbt, sodass das Leben schwarzer Menschen in Amerika letztlich doch vorprogrammiert ist? "I got power, poison, pain and joy inside my DNA", rappt Lamar, und: "Sex, money, murder, our DNA". Täglich grüßt das Murmeltier? Oder: Im Stück "Element." reimt sich streckenweise jeder Vers auf "shit". Scheiße, Scheiße, Scheiße. Frohe Ostern!

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Natürlich würden Lamar auch andere Reime einfallen. Aber der identische Reim scheint als Stilelement eine überaus passende Form zu sein in Zeiten, in denen sich die Menschen eben auch immer wieder identische Reime auf die alten Probleme machen, so als wollten sie sich auf ewig weigern, aus ihren Fehlern zu lernen. Bomben schmeißen, Hilflose erschießen, die Reichen noch reicher machen, und so weiter.

In der politischen afroamerikanischen Bewegung wird unter dem Slogan "Break the cycle" seit Jahrzehnten danach gefragt, wie die Muster der rassistischen Benachteiligung und Verfolgung endlich durchbrochen werden können, wie die Wiederkehr des Immergleichen aufgehalten werden kann. Auf "Damn." gibt es darauf auch keine recht Antwort, außer: Beten reicht nicht.