Cyber-Krimi Der fremde Körper

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Aufwachen am Nullpunkt: Wo bin ich, wer bin ich? Mensch, oder Maschine mit künstlicher Intelligenz? Fragt Karl Olsberg in "Boy in a White Room".

Von Fritz Göttler

Wie kommt Alice in den weißen Raum? Das ist in dieser Geschichte die entscheidende Frage. Die Alice im Wunderland aus dem Buch von Lewis Carroll, das der Junge Manuel in seiner Kindheit gelesen hat und das er sehr gut kennt. Nur: In diesem Buch ist von einem weißen Raum, an den er sich spontan erinnert, nie die Rede.

Mit einer anderen Alice kriegt Manuel es anfangs zu tun - als er in seinem eigenen "weißen Raum" zu Bewusstsein kommt und sich fragt: Wo bin ich? Wer bin ich? Sein Körper steckt in einem glatten Overall aus weißem Material, aber er spürt und fühlt nichts mit ihm. Mit seiner Umgebung kommuniziert er durch Sensoren, Touchscreens und durch Alice, das steht in diesem Fall für "Advanced Language Interpretation Counseling Extension", also: "Fortgeschrittene Hilfserweiterung auf Basis der Interpretation natürlicher Sprache", ein Sprachsystem, wie Siri auf dem iPad, das etwa ebenso simpel und stupide wirkt und auf viele Fragen mit den eintönigen Formeln antwortet "Ich verstehe die Frage nicht" oder "Ich verstehe die Antwort nicht".

Es ist eine Geschichte von Selbsterforschung und Bewusstwerdung, die Karl Osberg in seinem Buch "Boy in a White Room" erzählt, und er bedient sich dabei elegant und souverän der Techniken und Strukturen des Kriminalromans. Beschattung und Beobachtung sind die Mittel, mit denen Manuel die Welt erkundet, mit Eystream oder den Bildern einer Drohne, die er steuert. Dazu Erinnerungen an Computerspiele, "Minecraft", "World of Warcraft" oder "Assassin's Creed".

Ein Verbrechen muss aufgeklärt werden, "Hamburger Milliardärsfrau von Einbrechern erschossen" lautet die Schlagzeile, der Milliardär ist der Internetunternehmer Henning Jaspers, war die Frau Manuels Mutter, ist Jaspers sein Vater? Wurde Manuel bei der Attacke so schwer verletzt, dass sein Körper mit einer künstlichen Intelligenz zusammengeschaltet werden musste? Kann man das Überleben nennen, eigenes Leben? Plötzlich ist ein Mädchen da, das sagt, sie sei seine Schwester.

Meldungen und Fakten darf man überhaupt nicht trauen in dieser Geschichte, Familienbeziehungen erst recht nicht, die Welt wandelt sich ständig, wie im Wunderland. Es geht um Identität im weiten Feld zwischen Mensch und Maschine, und damit wird der Krimi zugleich ad absurdum und womöglich in seine reinste Form geführt. Muss man sich denn entscheiden, Mensch oder Maschine? Es ist ein schmerzlicher, widersprüchlicher, actionreicher Weg für Manuel, über lange Strecken von der wirklichen Alice geführt, bis er zur heiteren Erkenntnis gelangt, seines Lieblingsphilosophen Descartes: "Wie ich mit dem einen Fuß in dem einen Land und dem anderen im anderen Land stehe, empfinde ich meine Lage als sehr glücklich, weil sie frei ist."

Karl Olsberg: Boy in a White Room. Loewe Verlag, Bindlach 2017. 283 S., 14,95 Euro.

E-Book 9,99 Euro.