CSU-Vorschlag zur Integration Sprache als Waffe

Integration geht auch andes: Begegnung zweier Kulturen in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Neben Herkunft, Glauben und Sexualität ist die Sprache der wichtigste Teil der menschlichen Identität. Wer dies in Frage stellt, wie es die CSU gerade macht, der zündelt. Das sollten gerade die Bayern wissen.

Kommentar von Andrian Kreye

Historische Bezüge können ein rhetorisches Meisterwerk sein. Verrennt man sich in ihnen, kann großer Schaden angerichtet werden. Die CSU wollte mit ihrem Vorschlag, Immigranten sollten doch nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch zu Hause Deutsch sprechen, sicher nur eine Wählerschicht mobilisieren, die immer dankbar ist, wenn jemand was sagt, was man ja wohl noch mal sagen dürfen sollte. Die ist nun auf Linie, auch wenn der Parteivorstand zurückrudert, weil die Medien, der Konsens und die Vernunft querulieren. Wäre da nur nicht der historische Ballast.

Sprachpolitik hat eine lange, unselige Geschichte. Denn Sprache ist Identität, und der Eingriff in die Identität war immer schon ein Mittel der Unterjochung. Es ging dabei nie nur um die Vereinfachung der Bürokratie mit der Einführung einer Amtssprache oder um den Schutz der Syntax und Wortwahl. Man darf die Bedeutung der Sprache nicht unterschätzen. Neben der Herkunft, dem Glauben und der Sexualität ist sie der wichtigste Teil der Identität eines Menschen.

Erstens plausibel - und zweitens verrückt

Wenn es um Zuwanderer geht, öffnen die Christsozialen selten ihr Herz. Der jüngste Vorschlag, den Generalsekretär Scheuer verteidigt: Migranten sollen zu Hause Deutsch reden. Damit hat die CSU zwar ein Problem erkannt - bedient aber doch nur Ressentiments. Kommentar von Detlef Esslinger mehr ... Kommentar

Die Mechanismen der Unterdrückung durch den Glauben und die Sexualität mögen offensichtlicher sein. Von der Christenverfolgung über die Missionierung von Ureinwohnern während der Kolonialzeit bis zur Verfolgung Andersgläubiger in China, Indien oder Iran war der Glaube immer ein Vehikel für die Teilung einer Gesellschaft. Sexualität war nicht nur Mittel, sondern Waffe. Das reichte von der Zwangsverheiratung südamerikanischer Indios über die strategische Massenvergewaltigung bis zum Brauch der sogenannten Kriegsbräute in islamistischen Kampftruppen.

Demütigungen halten sich oft über Jahrhunderte

Sprachpolitik funktionierte im Vergleich dazu immer etwas subtiler. Und doch war das Ziel das gleiche - die absolute Unterwerfung der "anderen". Der Kolonisierten, der Eroberten, aber auch der Einwanderer. Im Bewusstsein dieser "anderen" halten sich die Demütigungen oft über Jahrhunderte. Bis heute sind Englisch und Französisch als Sprachen der Kolonialherren in Afrika entweder die Fortsetzung der Machtpolitik unter Diktatoren oder das notwendige Übel einer Handelssprache. In den USA und Kanada erzählen die Ureinwohner bis heute, wie ihren Kindern in den Schulen der Weißen bis in die 1950er-Jahre der Mund mit Seife ausgewaschen wurde, wenn sie in den eigenen Sprachen redeten.

Jüngste Beispiele findet man im Osteuropa der letzten Jahrzehnte. In Kroatien gab es nach der Unabhängigkeitserklärung von 1991 große Anstrengungen, serbische Spuren aus der Sprache zu verbannen. In Lettland und Litauen war nach dem Ende der Sowjetunion das Russische verpönt. In der Ukraine gehört die sogenannte Ukrainisierung der Medien und der Bildung zu einem der Konfliktpunkte.

Deutsch-Pflicht für Migranten - Gute Idee oder Realitätsverlust?

Auf ihrem Parteitag kommendes Wochenende will die CSU über einen Leitantrag zum Thema Integration beraten. Darin wird gefordert, dass Migranten Deutsch sprechen sollen - "im öffentlichen Raum und in der Familie". Politiker anderer Parteien äußerten deutliche Kritik an dem Vorschlag. Was halten Sie von dieser Idee? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum