Crystal Castles Gegen die Gentrifizierung des Pop

Empörend laute und konfrontative Musik: Ethan Kath und Alice Glass spielen dazu mit den Zeichen des Punk und Techno.

(Foto: Universal Music)

Die Gruppe Crystal Castles besinnt sich auf alte Werte: Verstörung, Angriff, Kampfgeist. Wenn man aus einem ihrer Konzerte wankt, mit tauben Ohren, blinden Augen, nassem Rücken, fragt man sich einen Moment lang ernsthaft, wozu der ganze andere Popkram eigentlich noch gebraucht wird.

Von Joachim Hentschel

Wahrscheinlich haben sich Erich von Dänikens Außerirdische, die persischen Alchemisten und der Zukunftsforscher Alvin Toffler früher einmal vorgestellt, dass im Jahr 2012 alle Rockkonzerte so sein würden: Beleuchtet wie eine Jetlandung, Stroboskopstöße und Suchscheinwerfer, eine Helligkeit, die die Menschen auf der Bühne eher verbrigt als sichtbar macht. Zu einer Musik, die so empörend laut und konfrontativ ist, dass es sich vorne im Saal tatsächlich anfühlt, als hätte einem jemand das Lautsprecherkabel direkt ins Nervensystem gestöpselt. Menschliche Musiker, die wie Maschinen klingen wollen (und nicht umgekehrt). Ein schauriges Mädchen, aus dessen Mund es immer wieder gellt: "Ich bin die Pest!"

So war es beim Konzert der Gruppe Crystal Castles vergangene Woche im Berliner Postbahnhof, und als man hinterher aus dem Gebäude wankte, mit tauben Ohren, blinden Augen, nassem Rücken, da fragte man sich einen benommenen Moment lang ernsthaft, wozu der ganze andere Popkram eigentlich noch gebraucht wird. Auch wenn das Prinzip des Alles-auf-Anschlag-Drehens, des Radikalisierens, Nicht-Zurückblickens an sich trivial ist: Mit einer Show wie dieser stehen die Techno-Punks Crystal Castles aus Toronto momentan ziemlich konkurrenzlos da. Eintausend Karten gab es für Berlin. Einen Monat vorher waren sie weg.

Dass sie ihre Attackenmusik an ein so großes Publikum bringen, liegt auch an am Style, an ihrem übermusikalischen Sinn für Zeichen und Codes. Seit 2005 arbeiten der Keyboarder Ethan Kath und die Sängerin Alice Glass zusammen. Man weiß fast nichts über sie. In den seltenen Interviews reden sie meistens Unsinn. Einen seltsamen Feuerkreis haben die zwei dürren Pulloverkapuzen-Punks um sich herumgezogen, eine Bedrohlichkeit, latente Gefahr, die tolle T-Shirt-Embleme generiert: ein gezeichnetes Porträt von Superstar Madonna, mit geschwollenem Auge wie nach einem häuslichen Faustschlag, das Bild einer verschleierten Jemenitin, die ihren nackten Sohn im Arm hält, fotografiert nach einem Tränengasangriff während der Demonstrationen 2011. Hemden verkaufen sie sicher mehr als CDs.

Man muss kurz an die Neunzigerjahre denken

Dass Sängerin Alice Glass, 24, bleich, aggressiv, schön und rattenartig, längst als Ikone gilt, kann man eben nicht nur auf den plumpen Reiz des Selbstzerstörerischen reduzieren. Crystal Castles evozieren in ihrer Kunst immer auch die politischen Möglichkeiten, die Gewalt heute haben kann, auch wenn sie sie nicht direkt benennen. Sie stehen mitten in einem Kampf gegen die Gentrifizierung des Pop, implizieren Notwehr gegen Aggressoren. Die Frage, was eintausend Zuhörer mit solcher Revolutionssymbolik anfangen, ist wie so oft müßig. Eine produktivere Form der Beklemmung als die, der man sich beim Crystal-Castles-Konzert aussetzt, ist kaum erlebbar.

Alice Glass trägt auf der Bühne zum Minirock Doc-Martins-Stiefel und Wollsocken, steht zwischen Keyboarder Kath und dem Tour-Schlagzeuger wie eine Folterfee im Sturm der Lichter und Alarmsignale. Sie stellt den Fuß auf die Monitorbox, wie Tausende chauvinistischer Hardcore-Punksänger es vor ihr gemacht haben, während die andere Hälfte des Publikums eine Art Technoparty feiert, angesteckt vom Trance-Beat, den übersteuerten Gameboy- und Großraumclub-Sirenen.

Man muss kurz an die Neunzigerjahre denken, dem einen Jahrzehnt, das zwischen Kaltem Krieg und 11. September nicht ganz so apokalyptisch war, der Zeit der grinsenden Rave-Fratzen. Und dann merkt man, was für einen Tanz Crystal Castles hier eigentlich tanzen - das ist Disco, die weder hedonistisch noch affirmativ wirkt. In der die DJ-Kanzel so leer ist wie der Himmel des Agnostikers. Die einen unselig und kampfbereit zurücklässt, und nicht After-Hour-besäuselt.

Nach einer Dreiviertelstunde spielen sie "Not In Love", ihren größten, schönsten Hit, bei dem im Studio Robert Smith von The Cure dabei war. Dann wird es abrupt dunkel. Show vorbei. Publikum allein gelassen. Man weiß, dass Crystal Castles keine Zugaben spielen. Ein paar Leute im bis an die Grenzen durchgerockten Postbahnhof trauen sich noch, rufen nach Zugaben, ein schwächlicher Chor.

Und dann kommen Crystal Castles zurück. Und spielen weiter.