Country-Sänger Willie Nelson wird 80 Sommergegerbter Hippie-Cowboy

Country-Sänger Willie Nelson feiert seinen 80. Geburtstag.

(Foto: dpa)

Das unendliche amerikanische Songbook: Willie Nelson feiert seinen 80. Geburtstag. Nach dem Tod von Johnny Cash und soeben von George Jones ist er einer der letzten ganz großen Lebendigen der US-Countrymusik. Und natürlich ein Rebell.

Von Joachim Hentschel

Diesmal war es nicht Jesus Christus. Diesmal erschien auf dem Toast das Gesicht des Sängers Willie Nelson, auch wenn es kein Wunder war: Als Werbung für eine neue Onlineplattform hatte die US-Bioladenkette Whole Foods Market eine überdimensionale Skulptur herstellen lassen, aus 352 Brotscheiben, so raffiniert geröstet, dass sie zusammengepuzzelt Willie Nelsons Porträt ergaben. In Austin, Texas wurde das Werk kürzlich ausgestellt, der Heimatstadt des Künstlers, in deren Zentrum seit 2012 tatsächlich auch eine Nelson-Statue aus Bronze steht. Über die der Geehrte selbst gesagt haben soll, er fände es toll, wenn die Leute hingehen und sie mit Müll bewerfen würden.

Toast verschimmelt, Bronze bleibt, und genau das ist hier die Frage: Willie Nelson, der an diesem Dienstag 80 Jahre alt wird, nach dem Tod von Johnny Cash und soeben von George Jones einer der letzten ganz großen Lebendigen der US-Countrymusik, natürlich ein Rebell, weil man sich nach so langer Zeit eh nur noch an die Rebellen erinnert - wie viel Ewigkeit steckte ohnehin schon in seiner Musik? Wie viel Denkmal war er von Anfang an?

Es ist ja schon seltsam, dass Willie Nelson, der alte, sommergegerbte Hippie-Cowboy, den man sich heute bloß noch mit Graubart und rotem Bandana-Kopftuch vorstellen kann, sein Geld ursprünglich als Songwriter für andere Künstler verdiente, auf den eigenen Platten bis heute aber keinen allzu großen Wert auf Autorenschaft legt. Eben hat er wieder ein Album herausgebracht, sein 66. oder 67., "Let's Face The Music And Dance", auf dem er vor allem Musical- und Showsongs der Dreißiger und Vierziger interpretiert. Sogar "Red Headed Stranger", die in Naturstein und Verandaholz gehauene Platte, die ihm 1975 das große Gehör verschaffte und den Querdenker-Ruf, bestand nur zur Hälfte aus Stücken, die er selbst geschrieben hatte.

Er hätte sicher genug eigene gehabt, aber bei einem wie Nelson geht es eben immer auch um die Erbpflege. Um das unendliche amerikanische Songbook, die ganz praktische Ehrerbietung an die Musik, der man die eigene Stimme überhaupt verdankt. Die Pflicht, wie beim Fackellauf die alten Songs weiter Richtung Ewigkeit zu tragen. Und natürlich, das ist der schön eitle Teil, sich auf die Art selbst mit einzuschreiben in die Tradition.

Neun Stunden Sex mit einem Groupie

Es gibt viele Geschichten über Willie Nelson: dass er auch im höheren Alter auf der Bühne ab und zu so bekifft sei, dass er in der Mitte des Programms aus Versehen wieder von vorne anfängt. Dass er neun Stunden am Stück mit einem Groupie Sex gehabt habe und einmal von einer eifersüchtigen Frau ins eigene Bettlaken eingenäht worden sei. Aber wenn er dann "Marie (The Dawn Is Breaking)" singt, eine Irving-Berlin-Nummer, die noch vier Jahre älter ist als er selbst, wirkt er demütig und transzendent zugleich.

Wie man später mal an ihn denken solle, das hat der Jubilar ja selbst einmal in einem Song erklärt: Man solle ihn einfach drehen, wie einen Joint, und aufrauchen. "Roll Me Up and Smoke Me When I Die". Auch so kann man sich den ewigen Kreislauf der amerikanischen Musik vorstellen.