Von Interview: Senta Krasser

Ein Interview mit Johannes Grotzky, seit 2002 Hörfunkdirektor des Bayrischen Rundfunks: Er hat überhaupt kein Verständnis dafür, dass Musik im Radio quotiert werden soll.

SZ: Die Diskussion um die Radioquote ist ein Dauerbrenner. Nun will sich sogar der Kulturausschuss des Bundestages damit befassen. Ist das ein Problem für Sie? Grotzky: Was heißt Problem? Ich stelle mir bloß die Frage: Haben wir kulturpolitisch einen Zentralstaat oder einen Föderalen Staat? Ich denke doch letzteres. Deshalb wundert es mich, dass man jetzt auf Bundesebene über länderhoheitliche Dinge diskutieren will - Rundfunk ist Ländersache. Allerdings, es ist schon politisch bemerkenswert, dass die Diskussion von verschiedenen Seiten betrieben wird. Frau Vollmer oder Herr Thierse werden einen Grund haben, ein Thema aufzugreifen, das sie offenbar für wichtig und populär halten.

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SZ: Offenbar ist nicht nur Antje Vollmer, sondern sind auch viele andere Hörer genervt vom Chart-Gedudel. Grotzky: Wieso die Hörer? Die Lobby der CD-Industrie macht sich in erster Linie stark für eine Quote - wobei sich Wirtschaft und Politik klar werden sollten, was sie eigentlich quotieren wollen: deutsche oder deutschsprachige Musikproduktionen. Sarah Connor zum Beispiel ist Deutsche, singt aber ausschließlich englisch. Die Hörer wollen in der Mehrheit keine deutschsprachige Musik in den Pop- und Rockprogrammen. Wenn ich sie dort im Bayerischen Rundfunk spiele, setzt es Proteste.

SZ: Es wird doch sicher auch die anderen Hörer geben, die mehr deutsche Musik fordern. Grotzky: Die gibt es. Insbesondere ältere Leute, die bei Bayern 1 mehr deutsche Schlager hören wollen. Ich habe Briefe bekommen mit Klagen über "Negermusik", weil wir italienische oder französische Musiken gespielt haben. Wenn ich solche Vorwürfe erhalte, merke ich, dass das Verständnis für eine plurale europäische Gesellschaft bei manchen Leuten nicht so ausgeprägt ist.

SZ: Im vergangenen Sommer lud Staatsminister Erwin Huber zu einem Runden Tisch, um zu beraten, wie man die einheimische Musikkultur fördern könne. Was ist seither geschehen? Grotzky: Es hat zwei Runde Tische gegeben, bevor sich die Staatskanzlei überhaupt dafür interessierte. Bei einem dieser Treffen bat ich die Vertreter der Phonoverlage, mir Musik zuzuschicken - ich habe sehr, sehr lange gewartet. Neun CDs trafen irgendwann ein. Andere deutsche Liedtexte, die ich erhielt, habe ich im Rundfunkrat verlesen. Man kam zum Schluss: So was darf nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet werden. Die Texte waren politisch angreifbar oder gingen weit unter die Gürtellinie.

SZ:Was man ja auch von vielen englischen Lieder behaupten kann. Grotzky: Nur die verstehen viele nicht. Würde ich manche Texte wortwörtlich ins Deutsche übersetzen, dann bekäme ich mit Sicherheit eine Klage im Hörfunkausschuss. Bei deutschen Texten geht man wesentlich kritischer ran, was ja auch verständlich ist.

SZ: Dass so wenig deutschsprachige Musik im Radio gespielt wird, liegt also nicht an den Sendern, sondern an der Qualität von Musik und Text? Grotzky: Genau. Deutsche und deutschsprachige Musik ist ja nicht per se gut. Ich lehne deshalb eine gesetzliche Regelung ab, spreche mich aber eindeutig für eine Förderung deutscher und deutschsprachiger Musikproduktionen aus. Wir haben seit Herbst 2003 ein Rock- und Popfestival, die "Bavarian Open", wo wir einheimische Gruppen vorstellen. Seit dem 1. September senden wir über DAB und im Internet die "Deutschstunde". Auf Bayern 3 gibt es die "Newcomer Show", in der Hörer auch deutsche Titel bewerten. Abgesehen davon fördern wir seit Jahren deutsche Musikgruppen im "Zündfunk". Was wollen Sie mehr?

SZ Der Musikindustrie ist das nicht Förderung genug. Grotzky: Mein Anliegen kann nicht sein, wirtschaftlich darbende Industriezweige zu sponsoren. Da bekäme ich ja Ärger mit der EU wegen Wettbewerbsverzerrung. Ich werde mich nicht ökonomischen Zwängen unterordnen, sondern fördere Gruppen, die gute Musik machen, egal ob sie bei einem CD-Label unter Vertrag stehen oder nicht.

SZ: In Frankreich... Grotzky: Frankreich ist kein Vorbild für mich. Noch einmal: Ich bin ein heftiger Gegner jeder gesetzlichen Quote. Wo sind die Grenzen? Welcher Bereich soll erfasst, welcher ausgenommen werden?

SZ: Ihre Kollegen beim WDR oder NDR sehen das ähnlich? Grotzky: Nach meinem Wissen gibt es in keiner öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt und bei keinem Privatsender Verständnis dafür, dass Musik gesetzlich quotiert werden soll.

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(SZ vom 10.9.2004)