Von Christopher Keil

Der Condé-Nast-Mann aus dem Osten Deutschlands, dem nicht einmal eine Spitzelaffäre etwas anhaben konnte, tritt überraschend zurück. Es darf gerätselt werden.

Gegen 15 Uhr an diesem Montag bekamen die Mitarbeiter des Condé-Nast-Verlags in Deutschland eine Mail vom Chef. Bernd Runge, 47, deutscher Statthalter des Condé Nast Imperiums der New Yorker Familie Newhouse und Vice President von Condé Nast International, gab eine "persönliche Erklärung" ab.

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Überraschend zurückgetreten: Bernd Runge. (© Foto: oH)

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"Es gibt Zeiten im Leben", beginnt das Schreiben blumig, "in denen Innehalten, Reflektieren und das Suchen nach neuen Herausforderungen immer mehr an Bedeutung gewinnen." Dies sei nun bei ihm der Fall. Er habe beschlossen, nach elf Jahren Condé Nast zu verlassen.

Runge, der Mann aus dem Osten Deutschlands, dem 2004 nicht einmal eine Spitzelaffäre etwas anhaben konnte, tritt zum Ende dieses Jahres überraschend zurück - offensichtlich auch für langjährige Mitstreiter. Über die Gründe darf gerätselt werden. Hat Runge sich an der deutschen Version von Vanity Fair verhoben?

Sieht er in der gegenwärtigen Werbe- und Finanzkrise auch das Ende der Expansionsjahre bei Condé Nast in Deutschland und Europa angebrochen? Seit 1997 hatte er ja nahezu ausschließlich Erfolg mit Neugründungen, zum Beispiel in Russland, Italien, Polen, Griechenland, den Niederlanden oder Schweden und natürlich Deutschland.

Ende Oktober war bekannt geworden, dass Condé Nast beim Pocketheftchen Glamour, Runges einst fulminanter Neugründung, allem Anschein nach einen großen Teil der Redaktion (angeblich bis zu 30 der ungefähr 60 Stellen) einsparen möchte und vom 14-tägigen aufs monatliche Erscheinen umstellte.

Angeblich offen

Glamour war die Cash Cow im Verlags-Portfolio, Branchenkenner vermuten, dass andere Titel die konjunkturellen und möglicherweise auch strukturellen Rückgänge nicht mehr so schnell auffangen können. So hat sich Vanity Fair, seit Februar 2007 erhältlich, in Deutschland nicht wie gewünscht und geplant durchsetzen können. Im dritten Quartal stand das Blatt bei 40818 Abos und bei 90900 Exemplaren im Einzelverkauf.

Das ehrgeizige Projekt ist die größte Investition von Condé Nast außerhalb des Stammhauses in den USA. Auf 50 Millionen Euro wurden die Anlaufverluste geschätzt, andere Berechnungen gehen vage von einem Volumen von bis zu 100 Millionen Euro aus. Condé Nast hat sich bisher nie dazu geäußert.

Jonathan Newhouse, Chairman Condé Nast International, bestätigte den Rückzug Runges. Der habe "Ehrgeiz, Energie und Phantasie in das Zeitschriftengeschäft (eingeführt), sowie ein wahres Verständnis für redaktionelle Qualität" gezeigt. Er bedaure Runges Entscheidung, wer sein Nachfolger wird, ist angeblich offen.

Bernd Runge, aufgewachsen in der DDR, war vor dem Mauerfall als Korrespondent für die DDR-Nachrichtenagentur ADN in Budapest. Er galt denen, die ihn später im Westen förderten wie Gruner+Jahr-Aufsichtsrat Axel Ganz als "clever, intelligent, talentiert". Beim Studium in Moskau soll Runge 1981 von der Stasi angeworben sein (IM "Olden") und später auch die eigene Schwester ausgehorcht haben. Runge hat sich dagegen stets zur Wehr gesetzt.

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(SZ vom 02.12.2008/rus)