Kritiker des Spiels fühlten sich - als sie von Gewalt und dem Ort der Handlung hörten - an das Massaker an der Columbine High School vom 20. April 1999 erinnert. Ein überzogener Vergleich freilich, denn die Hauptperson ist weder potenzieller Amokläufer noch hätte er überhaupt die Waffen, um einen seiner Mitschüler zu töten. Aber er prügelt sich häufig und tut anderen Gewalt an. Warum also wählt Rockstar überhaupt das Thema Gewalt an der Schule für eines seiner Spiele? Sicher nicht, um den Spielern Einblicke ins amerikanische Teenagerleben zu ermöglichen. Eher geht es darum, die Angst der Gesellschaft vor Amokläufen auszunützen, um das Spiel ins Gespräch zu bringen.
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Kommt auch vor: Der Spint klemmt. (© Foto: Rockstar)
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Das Marketing-Prinzip ist einfach: Entwickle eine Handlung mit möglichst viel Zündstoff, lass die Menschen diskutieren und vor Gericht darüber streiten. Nimm dann einige schlimme Szenen heraus, um eine günstige Altersfreigabe zu erhalten. Fertig ist der Hit. ,,Bully'' wird in den USA als ,,rated teen'' eingestuft. Das bedeutet, dass es ab einem Alter von 13 Jahren gekauft werden kann.
Prämie für den Kennedymörder
Vor zwei Jahren versuchte es der Hersteller Traffic mit einer ähnlichen Strategie: ,,JFK: Reloaded'' hieß das Programm. Der Spieler sitzt dabei genau an dem Platz, den Lee Harvey Oswald am 22. November 1963 einnahm. Traffic bot auf seiner Internetseite dem Spieler, der die Schüsse von Oswald am genauesten ausführen konnte, eine Prämie von 100000 Dollar.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: ein sechsstelliger Betrag dafür, jemanden in einem Computerprogramm möglichst präzise zu exekutieren. Ein ,,Doku-Game'' nannte der Hersteller das Spiel und betonte den historischen Lehrauftrag. Ted Kennedy, der Bruder des ermordeten Präsidenten, sah das freilich anders: ,,Verabscheuungswürdig'' nannte er das Spiel. Kein Wunder, dass es sich dann prompt um so besser verkaufte; erst ein Jahr später schloss die Internetseite.
Am 27. Oktober kommt ,,Bully'' oder ,,Canis canem edit'' nun auf den europäischen Markt. Das englische Elektronikkaufhaus Currys kündigte bereits an, das Spiel nicht in sein Sortiment aufzunehmen. Es kommt heraus zu einer Zeit, in der man glaubte, die enervierende Debatte um Gewalt in Computerspielen sei vorbei und man könne sich endlich den ästhetischen Qualitäten der Spiele zuwenden. Nun wird man weiter diskutieren müssen: Wie Hersteller die allgemeinen Hysterie ausnutzen, um die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben.
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(SZ vom 18.10.2006)
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