Computerspiel "Californium" Wahnsinn, Drogen und sprechende Fernseher

Philip K. Dick gilt als einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren aller Zeiten. Das Computerspiel "Californium" setzt ihm jetzt ein virtuelles Denkmal, das man besichtigen muss.

Von Philipp Bovermann

"Californium" ist ein künstlich erzeugtes radioaktives Metall. Unter der Ordnungszahl 98 findet man es im Periodensystem der Elemente. Künstlich erzeugt und giftig strahlend ist auch die Welt, die man im gleichnamigen Computerspiel betritt. Es geht um Wahnsinn, Drogen, sprechende Fernseher, Paranoia und das Hämmern auf Schreibmaschinen - es geht um den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick.

Arte Creative, die Kreativ-Abteilung des Fernsehsenders, hat sich mit den französischen Entwicklern von Darjeeling und Nova Production zusammengetan, um ein Computerspiel zu programmieren, das man jetzt über die Arte-Mediathek und bei verschiedenen Spieleanbietern herunterladen kann, bei Arte sind die einzelnen Spielepisoden sogar kostenlos erhältlich.

Es sei eine interaktive "Liebeserklärung" an Philip K. Dick, heißt es von den Produzenten. Sein Universum sei "einfach zu fantastisch und zu vielschichtig, um es bloß nachzuerzählen" oder als "x-te Vorlage für einen Film" zu bemühen. Von Dick stammen die Vorlagen für Klassiker wie "Blade Runner" und "Total Recall". In Dicks Welten wirken thermonukleare narrative Reaktionen, an deren Ende eine Wirklichkeit steht, von der man sich nicht sicher sein kann, ob sie nur eine Simulation ist.

"Woher wissen wir, was normal ist?"

Im Roman "Marsianischer Zeitsturz" etwa beschreibt er einen autistischen Jungen in einer Marskolonie, dessen Zeitwahrnehmung nicht linear funktioniert. Als ein Geschäftsmann versucht, dieses Talent für seine Zwecke auszubeuten, gerät alles aus den Fugen. Es gibt bei Dick keine Realität als metaphysische Konstante, in der die verschiedenen Zeitebenen geordnet werden könnten.

"Woher wissen wir, was normal ist?" lautet die Frage eines Protagonisten; sie bestimmt Dicks gesamtes Werk. Er übersetzt gewissermaßen die paranoiden Delirien Kafkas in naturwissenschaftlich konkrete Modelle. Eine der Schlüsselszenen von "Marsianischer Zeitsturz" wiederholt sich mehrmals, jedes Mal surrealer, chaotischer als zuvor.

Auf der Suche nach den Inkohärenzen im virtuellen Gefüge

Auch in "Californium" bereisen wir verschiedene Zeit- oder Wirklichkeitsebenen einer immer gleichen Umgebung. Der Spieler steuert in der Ich-Perspektive einen heruntergekommenen und vermutlich wahnsinnigen Schriftsteller durch ein comicbuntes Kalifornien der Siebzigerjahre. Die enge Spielwelt ist biografisch entlehnt, sie besteht nur aus einer chaotischen Wohnung und dem umliegenden Häuserblock. Tatsächlich hatte Dick Angst vor öffentlichen Plätzen. Er verließ seine Wohnung nur sehr selten.

Vor der Tür des Apartments steht Donna, eine Figur aus "Der dunkle Schirm". Darin schildert Dick die geistigen und sozialen Verwüstungen durch jene Drogen, unter deren Einfluss er, laut eigener Aussage, alle seine vor 1970 veröffentlichten Bücher schrieb. Dieses, sein am stärksten autobiografisches Buch, betrachtete er auch als sein Meisterwerk.

Ziel des Spiels ist die Suche nach dem, was man "Lags" nennt: nach Programmierfehlern und den Inkohärenzen im virtuellen Gefüge. Teile der Welt veralten etwa spontan, zerfallen zu Staub, ein elektrischer Fahrstuhl wird durch einen mechanischen mit Gittertür ersetzt, es kommt zu Überlagerungen, vergleichbar den Fehlern in der "Matrix", nach denen man nun in "Californium" sucht: wandernde Kisten, sich drehende Straßenlaternen.

Spiel Californium, Foto: PR

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