Comicgeschichte Neue Wege

Der Versuch, "Love and Rockets" von Jaime Hernandez in den Neunzigern in Deutschland zu etablieren, scheiterte. Nun wird er wiederholt.

Von Christoph Haas

Wer sich in den frühen Achtzigern für Comics interessierte, der schaute ins europäische Ausland, speziell nach Frankreich. Deutsche Zeichner gab es kaum; Mangas waren nicht mehr als ein Gerücht. Und die USA? Dort hatte sich der subversive Elan der Underground-Comix erschöpft, während die Superhelden (noch) nicht aus den Tälern der Trivialität herauskamen.

Schon 1981 hatten die Brüder Jaime und Gilbert Hernandez in Los Angeles jedoch begonnen, ein Magazin herauszugeben, mit dem sie zu einem der Vorreiter der Independent-Comics wurden. In Love and Rockets erschienen - und erscheinen bis heute - parallel zwei Serien. Gilbert schildert, mit Anklängen an den magischen Realismus von Gabriel García Márquez, das Leben in einem südamerikanischen Provinzort namens Palomar. Die Geschichten von Jaime dagegen spielen in einem Vorort seiner Heimatstadt. Die Hauptfiguren sind Margarita Chascarillo, genannt Maggie, und ihre Freundin Esperanza Glass, genannt Hopey.

In den USA liegt "Love and Rockets" in 28 Sammelbänden vor; in Deutschland scheiterte in den Neunzigern der Versuch, die Serie zu etablieren nach fünf Bänden. Nun wagt der Reprodukt Verlag es noch einmal, mit zwei Titeln von Jaime Hernandez, die in ganz unterschiedliche Phasen von Maggies Leben führen. In "Der Tod von Speedy", im Original 1989 veröffentlicht, ist sie ein Teenager und Teil der lokalen Punk- und Gangszene. In "Liebe und Versagen", im Original von 2014, hat sie die Mitte der Vierziger erreicht und arbeitet als Gebäudeverwalterin. "Der Tod von Speedy" ist der interessantere der beiden Bände. Hernandez beschreitet in ihm Wege, die im amerikanischen Comic damals neu waren - eine Figur wie Maggie gab es weder in den Comix noch im Mainstream. Sie ist kein Freak und erst recht keine Heldin, sondern einfach eine mittelhübsche, etwas dickliche junge Frau von Nebenan, die sich sowohl zu Frauen als auch zu Männern hingezogen fühlt. Das unbefangene Thematisieren sexueller Identitätsprobleme, die direkte, teils grobe Sprache, die aus eigener Erfahrung erwachsene Darstellung des Milieus mexikanischer Migranten, der Verzicht auf spektakuläre Inhalte und das episodische Erzählen - all dies machte "Love and Rockets" zu etwas Besonderem.

Heute kann die Serie damit aber nicht mehr punkten. Die Ansprüche sind höher geworden, und es fällt auf, dass Hernandez seinem panoramatischen Erzählansatz nicht gewachsen ist. Das Springen von Figur zu Figur, von Ereignis zu Ereignis führt dazu, dass vieles oberflächlich bleibt, das Soap-Opera-Niveau nicht überschreitet. Außerdem ist die zeichnerische Entwicklung von Hernandez enttäuschend. Immer schon hatte er einen Hang zum Statischen, zur Illustration; aber in "Der Tod von Speedy" gelingen ihm durch den Einsatz großer Schwarzflächen immer wieder eindrückliche Einzelbilder. Die nur noch sporadische Verwendung dieser Kontrasteffekte lässt "Liebe und Versagen" dagegen recht langweilig aussehen, wie einen Comic, bei dem man das Kolorieren vergessen hat. "Love and Rockets" ist ein einflussreiches Stück amerikanischer Comic-Geschichte - allerdings eines, über das die Zeit weitgehend hinweg gegangen ist.

Jaime Hernandez (Text und Zeichnungen): Love and Rockets: Der Tod von Speedy; Liebe und Versagen. Aus dem Amerikanischen von Oliver Köll und Conny Lösch. Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 136 und 112 Seiten, je 24 Euro.