Comic Viel wunderschöner

Die stark gerasterten Bilder der Metropole Chengdu haben nichts Niedliches.

(Foto: Reprodukt)

Vier Monate hat Sascha Hommer "In China" gelebt - seine Eindrücke gibt es jetzt als Comic.

Von Thomas Steinaecker

Ja? Wirklich? Der junge Deutsche im Fernsehstudio ist etwas verunsichert. Als einer der wenigen Muttersprachler in der westchinesischen Metropole Chengdu soll er im Auftrag eines heimischen Unternehmens einen deutschen Werbetext für einen Spot einlesen, der auf einer Messe gezeigt wird. Doch es gibt da ein kleines Problem: Der Text hat recht wenig mit der deutschen Sprache gemein. Die Vorlage sei von "zertifizierten Übersetzern" erstellt worden, wird er beruhigt. Also gibt er bei der Aufnahme sein Bestes: "Shangshengs Sports betritt die Bühne mit dem Traum und ruft mit Zuversicht an die Welt. Die Sportindustrie wird wegen Shangshengs Sports viel wunderschöner!"

In manchen Szenen stellt sich bei Sascha Hommers neuem Comic ein angenehm absurdes "Lost in Translation"-Gefühl ein; und doch basiert "In China" auf den autobiografischen Erlebnissen des Zeichners und Autors. 2011 half er vier Monate lang einem Freund bei dessen Zeitschrift für Ausländer in Chengdu, einer typischen Großstadt der Volksrepublik im Zeitalter des Turbokapitalismus: vierzehn Millionen Einwohner, der Himmel voller Hochhäuser, riesige Löcher in den Gehsteigen, Dauergehupe auf den Straßen, undurchdringlicher Smog, Ratten und Kakerlaken in den Wohnungen und latente Erdbebengefahr.

Aber Hommer geht es gar nicht, anders als der Titel vielleicht suggeriert, um eine Analyse oder umfassende Darstellung chinesischer Zustände. Episodisch beschreibt er seinen eigenen Alltag, die schwierige Wohnungssuche, das Chatten mit zu Hause, Mopedfahrten durch die tristen Asphaltwüsten, einen Chinesischkurs und vor allem die Unterhaltungen mit anderen Expats. Begegnungen mit Einheimischen bilden die Ausnahme; finden sie statt, befremden sie. So wenn eine junge Chinesin Hommer beharrlich danach fragt, ob er Familie haben wolle, weil sie hofft, durch eine Heirat nach Europa auswandern zu können. "In China" folgt damit ziemlich genau jenem Modell, das der Kanadier Guy Delisle in seinen Comics perfektioniert hat. Dessen Erlebnisse als Trickfilmzeichner in Chinas Boomtown "Shenzhen" wurden im Jahr 2000 sofort zu einem Klassiker der neunten Kunst, ebenso wie seine späteren Berichte aus Pjöngjang, Birma und Jerusalem. Seine Bücher funktionieren nach einem durchaus charmantem Schema: Mit so viel Selbstironie ausgestattet, dass man ihm nie böse sein kann, versucht sich Delisle allen Widrigkeiten, eigenen Tollpatschigkeiten und Culture-Crash-Fettnäpfen zum Trotz mit der neuen Umgebung zu arrangieren. Allzu Abgründiges, wie es etwa sein Kollege Joe Sacco in seinen Kriegs-Reportagen schonungslos aufdeckt, meidet er weitestgehend und versteht es dennoch meisterlich, nicht nur die Atmosphäre der fremden Gesellschaften, sondern auch das Dilemma des westlichen vorurteilsbelasteten Beobachters, der nur auf Besuch ist und sich eigentlich gar kein abschließendes Urteil erlauben kann, in kleinen Alltagsszenen einzufangen. Der Erfolg dieser Art von Reportage, die mittlerweile etwa mit Philip Cassirers "Was kostet ein Yak?" oder Reinhard Kleists "Havanna" auch in Deutschland ein eigenes Genre geworden ist, leuchtet sofort ein: Anschaulicher als jeder Text und poetischer als jede Foto-Story bedienen solche Reise-Comics das sehr westliche Bedürfnis nach Wissensvermittlung mit einem Schuss sozialer Relevanz und künstlerischem Anspruch.

Die Maske, die Hommer im Comic trägt, betont das Rollenhafte seiner Situation

Auch Hommer, seit seinem Debüt "Insekt" und als Herausgeber zahlreicher Anthologien und Zeitschriften eine der wichtigen Figuren des jungen deutschsprachigen Comics, bewegt sich innerhalb dieser Koordinaten. Das überzeugt vor allem formal: Nicht nur hat er seinen stark gerasterten Bildern, auf denen Wolken zu schwarzem Schmutz am Himmel werden, alles Niedliche à la Delisle ausgetrieben, was hervorragend zum Moloch Chengdu passt; zwischen den als Manga-Kinder gezeichneten Chinesen erscheinen die Ausländer buchstäblich als Aliens; der Hauptprotagonist indes ist der Einzige, der die ganze Zeit über eine Maske trägt, womit klug das Rollenhafte der eigenen Situation betont wird. Auch inhaltlich fördert Hommer immer wieder neben der eingangs erwähnten Szene Preziosen des Alltags zu Tage: So wenn ihn beim Tischtennis eine alte chinesische Frau, die am Stock geht, fragt, ob sie mitmachen dürfe - und dann den Jüngeren an die Wand spielt. Eine Episode, welche die westliche Haltung gegenüber China zwischen Faszination, Überlegenheitsgefühl und Angst in wenigen Bildern wunderbar zum Ausdruck bringt.

Insgesamt wirkt das Buch jedoch seltsam unentschlossen. Das liegt vor allem an den unmotivierten Einschüben, von einem historischen Reisebericht bis zu einem surrealen Albtraum; auch sonst enden manche Episoden abrupt und unpointiert; die wichtigsten Gedanken über China werden von Hommers Gesprächspartnern formuliert; er selbst bleibt mit seinen Gefühlen, seiner Meinung und seinen Beweggründen, warum er die Reise überhaupt antrat, vage, als sei er ganz zufrieden damit, nicht nur sein Gesicht hinter einer Maske verbergen zu können. Über sechzehn Jahre nach Delisles "Shenzhen", in denen der Westen einerseits die diktatorische Politik Chinas regelmäßig verurteilt, andererseits weiter einen guten Teil seiner Produkte dort unter dubiosen Umständen herstellen lässt, würde man sich allerdings einen neuen und schärferen Blick hinter kulturelle und soziale Kulissen wünschen.

Sascha Hommer: In China, Reprodukt Verlag, Berlin 2016. 176 Seiten, 20 Euro.