Comic Selmas Trauma

Eine Frau am Nullpunkt, vom Freund verlassen, ohne Job. Ein neuer verstörender Comic von Aisha Franz.

Von Christoph Haas

Selma eilt atemlos durch eine karge, wüstenähnliche Landschaft. In der Ferne zeichnen sich Berge ab. Da erscheint, einer Fata Morgana gleich, plötzlich eine Stadt. Die junge Frau ist erleichtert: Hier ist sie zu Hause! Aber die Schlüsselkarte für die Wohnung funktioniert nicht mehr. Selmas Freund hat Schluss gemacht und den Code geändert. Eine neue Liebe habe er auch schon, verkündet er. Selma bekommt eine Kiste mit ihren Sachen in die Hand gedrückt. Hilflos steht sie da, während sich um sie her alles in Luft aufzulösen beginnt.

Der Traum, mit dem "Shit is real" anhebt, spiegelt eine doppelte traumatische Erfahrung wider: Selma ist von Max verlassen worden und hat dazu noch ihren Job verloren. Dass Yumi, ihre beste Freundin, Erfolg im Beruf und einen coolen Typen an ihrer Seite hat, ist auch nicht gerade aufbauend. Immerhin lernt Selma nach einer Weile den schüchternen Anders kennen, der eine Zoohandlung betreibt.

So alltäglich ist die Handlung dieses Comics, dass man sie fast banal nennen kann. Selmas seelischen Ausnahmezustand vermittelt Aisha Franz vor allem visuell. Einerseits nehmen ihre lebhaften Träume und Fantasien, in die sie immer wieder spontan gleitet, einen großen Raum ein. Andererseits hat die nahe Zukunft, in der sie lebt, selbst etwas leicht Irreales, Traumhaftes: Man kommuniziert über Hologramme, in einem asiatischen Restaurant bedienen katzenköpfige Kellnerinnen, und Selma schlüpft zunehmend in die Identität der schönen, auf Reise befindlichen Penelope, die im Apartment neben ihr wohnt.

"Shit is real" entfaltet und variiert Motive, die sich schon in den beiden ersten, ebenfalls sehr gelungenen Graphic Novels von Aisha Franz finden. In "Alien" (2011) erwählt sich ein einsames, an der Schwelle zur Pubertät stehendes Mädchen einen Außerirdischen als Spielgefährten; ob er nur in ihrer Einbildung existiert, wird nie ganz klar. "Brigitte und der Perlenhort" (2012) ist eine Agentengeschichte im Stil von "Mission Impossible": Die Hauptfigur ist eine anthropomorphe Hündin, die darunter leidet, nicht Mutter werden zu können, weil sie als Baby sterilisiert worden ist. In ihrer Neigung zum Phantasmagorischen und zur Auseinandersetzung mit weiblicher Körperlichkeit erinnert Franz an Anke Feuchtenberger.

Nach dem Blau-Weiß von "Brigitte" ist Aisha Franz nun wieder zum Schwarz-Weiß von "Alien" zurückgekehrt. Erstmals arbeitet sie nicht nur mit dem Bleistift, sondern auch mit Tusche. Die Panels stehen nach wie vor dicht neben- und untereinander, allerdings ist das Seitenlayout in "Shit is real", der weniger klaustrophobischen Situation entsprechend, wesentlich lockerer gestaltet. Erneut zeigt sich Aisha Franz als eigenwilliges Talent; von ihrem Format gibt es in der deutschen Comic-Szene nicht viele.