Von Alex Rühle

Einfach Kult: die Abenteuer von Tim und Struppi. Im Zeichenstil sparsam, in der Geschichte detailgetreu. Ihr geistiger Vater Georges Remi alias Hergé wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Die Franzosen müssen es wissen, schließlich haben sie den Comic schon zur Kunstform ernannt, als man hierzulande noch abfällig von Hefteln sprach. Die Franzosen, die ihm zum Hundertsten eine geradezu hagiographische Ausstellung im Pariser Centre Pompidou ausrichten, verehrten den Belgier Hergé immer schon als Gottvater der Comic-Geschichte.

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So bezeichnete Le Monde Hergé 1983 in ihrem Nachruf als "J. S. Bach der Comicliteratur". Und als Tim 1999 seinen Siebzigsten feierte, trafen sich sechzig Abgeordnete aller Fraktionen der Nationalversammlung zu einer außerparlamentarischen Sitzung, um zu erörten, ob Tim nun der politischen Linken oder der Rechten zuzurechnen sei.

Kassenschlager Comic

Das Ergebnis der Debatte ist nicht bekannt, Tims geistiger Vater Georges Remi aber wurde immer der Rechten zugerechnet. Remi, der heute vor hundert Jahren geboren wurde und sich nach phonetischer Umkehrung seiner Initialen früh schon Hergé nannte, begann seine Laufbahn in der konservativen katholischen Zeitschrift Le Vingtieme Siecle, in der ihn der Jesuitenpater und Mussolini-Verehrer Norbert Wallez protegierte. Wallez übertrug ihm 1928 die wöchentliche Jugend-Beilage Le Petit Vingtieme. Hergé erfand dafür Bildgeschichten nach amerikanischem Vorbild, bei denen, wie er es ausdrückte, "die Worte direkt aus dem Mund der Figuren kamen".

Hergé, der gerne Reporter geworden wäre, schickte darin einen Pfadfinderjungen zu den Sowjets. Der Junge avancierte zum Star: Le Vingtieme Siecle verkaufte an den Tagen, an denen Tims Abenteuer beilagen, viermal so viele Exemplare wie sonst. Weshalb Wallez am 8. Mai 1930 eine Anzeige schalten ließ, in der Tims Rückkehr aus der UdSSR am Brüsseler Nordbahnhof angekündigt wurde. Tausende kamen, um einem gecasteten Double des rasenden Reporters zuzujubeln.

Die Anekdote, in der Tim gleich zu Beginn seiner Abenteuer ins wirkliche Leben wechselt, ist symptomatisch für das Schicksal Hergés, der in späten Jahren mal eine Karikatur zeichnete, in der er schwitzend am Zeichentich sitzt und sich verzweifelt an einem Gesicht seines Helden abmüht. Daneben, auf einem Stapel Bücher, aber sitzt Tim selbst, mit grimmig strengem Blick und einer Peitsche in der Hand ...

Sorge um den geknebelten Dichter im Baum

Ähnlich streng ging nach dem Krieg die belgische Justiz mit Hergé ins Gericht: Der Bösewicht, gegen den Tim 1940 in "Der geheimnisvolle Stern" gekämpft hatte, war ein Bankier namens Blumenstein, der mit seiner Zinkennase, den gierigen Augen und der Zigarre im Mund an antisemitische Stürmer-Karikaturen erinnert. In späteren Fassungen benannte Hergé ihn in Blumwinkel um und machte aus ihm einen Finanzier aus Sao Rico. Die Zeichnung aber blieb dieselbe.

Als Ende der neunziger Jahre erneut eine politische Debatte um Hergé entbrannte, schrieb der französische Wissenschaftsphilosoph Michel Serres, Hergé sei damals sehr jung gewesen und habe sich nach dem Krieg gewandelt. Außerdem sei er in Sachen political correctness viel stärker besorgt wegen einer anderen französischen Comicserie, in der "Konflikte nur mit Faustschlägen ausgetragen werden, der Stärkste seinen Sieg einer magischen Droge verdankt und der Dichter geknebelt im Baum hängt."

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