Comic Krakeliger Zwiespalt

Ein jugendliches Detektivduo forscht im frühherbstlichen Nebel nach einem "Liebesbrief des Schreckens". Und entdeckt noch etwas Besonderes.

Von Christoph Haas

Es ist wie jedes Jahr. Zusammen mit ihren Eltern und ihrer nervigen älteren Schwester, die wirklich gemein zu ihr ist, verbringt die elfjährige Paula die großen Ferien auf dem Campingplatz am See. Sie schaukelt mit ihrer österreichischen Freundin Suse um die Wette und plant, tolle Rätsel zu entwerfen, die sie an die anderen Urlauber verkaufen will. Dann könnten sich die beiden Mädchen so richtig viel Eis leisten!

Eines Tages aber steht plötzlich Toni auf dem Spielplatz - und alles wird, wie es nie zuvor war. Der Junge ist ein leidenschaftlicher Leser von Kriminalgeschichten und will später einmal "Detektivinspektor" werden. Das trifft sich gut, denn bald darauf findet Suse vor ihrem Wohnwagen einen krakeligen Liebesbrief, der scheinbar an sie gerichtet ist. Wer mag der unbekannte Verfasser sein? Oder ist es vielleicht sogar eine Verfasserin? Paula und Toni beginnen zu recherchieren.

Einen Haken hat die Sache allerdings: Paula hat den Brief verfasst, und sein Adressat ist in Wahrheit Toni. Das darf man verraten, weil es im Comic selbst schon früh verraten wird. Hier geht es nicht um einen Überraschungseffekt, wie er für einen klassischen "Whodunit" typisch wäre. Wichtig ist vielmehr die halb komische, halb anrührende Schilderung des Zwiespalts, in dem Paula steckt: Wenn sie die Untersuchungen gekonnt auf Irrwege lenkt, versucht sie damit zugleich vor den anderen ihre Autorschaft und vor sich selbst ihre Gefühle für Toni zu verschleiern. Zu dem Reigen teilweise burlesker, scharf konturierter Nebenfiguren, der das Detektiv-Duo umgibt, gehört auch ein lesbisches Kioskbetreiberinnen-Paar in mittleren Jahren. Das ist für einen Kinder-Comic ungewöhnlich. Aber Brandstätter reckt nicht den Zeigefinger der Political Correctness: Wie sie die Beziehung der zwei Frauen darstellt, hat etwas angenehm Beiläufiges, Selbstverständliches - als lohne es sich überhaupt nicht, darum Aufsehen zu machen.

Liebesbrief des Schreckens spielt im Spätsommer; durch die in anheimelnd warmen Aquarellfarben gehaltenen Bilder schleicht manchmal schon frühherbstlicher Nebel. Am Ende muss Toni abreisen, hofft aber auf ein Wiedersehen mit Paula. So geht es auch dem Leser, gleich welchen Alters: Es wäre sehr zu wünschen, dass diese sympathische kleine Heldin weitere Abenteuer erleben darf! (ab 8 Jahre)

Sandra Brandstätter: Paula - Liebesbrief des Schreckens. Reprodukt 2016. 121 Seiten, 18 Euro.