Comic Drei Wochen und 2386 Opfer später

In seiner Graphic Novel "Freedom Hospital" zeigt Hamid Sulaiman ein Jahr des Bürgerkriegs in seinem Heimatland Syrien. Eindrucksvoll skizziert er die verworrenen Frontlinien.

Von Alex Rühle

Die Explosion, die hier zu sehen ist, zerfetzt Häuser, die es nicht gibt, die Fliegerbomben detonieren in Houria, einer fiktiven Kleinstadt im Norden Syriens. Die anschließenden Youtube-Bilder aber gibt es, sie wurden nach einer "echten" Bombardierung im syrischen Bürgerkrieg verbreitet. Der Text, den die Frau auf dem Video schreit, ist Wort für Wort exakt wiedergegeben - das Gesicht der Trauernden ist jedoch so stark abstrahiert, dass es eher einer Totenmaske gleicht als der Syrerin, deren kleine Tochter gerade von Assads Truppen getötet wurde.

Hamid Sulaiman wollte den Bürgerkrieg in seinem Heimatland möglichst genau und detailgetreu zeigen. Zugleich arbeitete er in seiner epischen Graphic Novel "Freedom Hospital" mit allen Mitteln künstlerischer Verfremdung und Verdichtung. Seine Tuschezeichnungen spielen mit starken Kontrasten, sie erinnern an Scherenschnitte, Druckgrafiken, überbelichtete Fotos. Oft ist das eigentlich Dargestellte die grellweiße Leerstelle in tintentiefem Hintergrundschwarz, oft werfen auch die Ruinen, Gesichter, Militärjeeps so harte Schatten, dass sie alles ringsum zu verschlucken scheinen. Immer aber besteht die Welt auf diesen Bildern nur aus Schwarz und Weiß. Dabei ist "Freedom Hospital" doch vor allem eine großartige Studie über die Grautöne des Krieges.

Die Story umspannt ein Jahr, und so wie die Wochen vergehen, vergehen hier die Menschen: "Drei Wochen und 2386 Opfer später" lautet die Zählung, der Tod geht in diesem Krieg seiner Arbeit selbst zwischen dem Umblättern nach.

Wie kommuniziert man mit der Außenwelt, wenn alles in Schutt und Asche liegt?

Erzählt wird die Geschichte des "Freedom Hospital", eines winzigen Untergrundkrankenhauses, das von der Friedensaktivistin Yasmin betrieben wird. Dr. Fawaz, ein junger Alawit, arbeitet hier als Arzt, der Philosophiestudent Hawal wartet auf eine Niere und freundet sich mit Salem an, der sein Gedächtnis verloren hat. Einige gratulieren Salem zu diesem Glück, schließlich müsse er so weder um seine getöteten Verwandten trauern noch sich mit Schuldgefühlen rumplagen wie all die anderen, die sich nur zu gut daran erinnern, wie sie es jeweils geschafft haben zu überleben.

Hamid Sulaiman stammt aus Damaskus. Er hatte sein Kunst- und Architekturstudium gerade beendet, als der Arabische Frühling auch in Syrien kurz aufblühte. Sulaiman war engagiert in einem Netzwerk, das Fotos und Videos der ersten friedlichen Demonstrationen gegen Baschar al-Assad ins Internet stellte. Viele dieser Fotos hat er in seiner Graphic Novel abgemalt, ähnlich wie die Youtubeaufnahmen der trauernden Frau. Er selbst geriet während einer dieser frühen Demonstrationen in die Fänge des Geheimdienstes und wurde gefoltert, doch ließ man ihn wieder frei. Als er kurz darauf zum Militär eingezogen werden sollte, floh er nach Frankreich, wo er seither lebt - und sich anfangs wunderte darüber, wie wenig die Europäer über diesen Krieg wissen.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Comic stellt der Verlag hier zur Verfügung.

"Freedom Hospital" ist eindeutig als Werk der Aufklärung gedacht, ein Versuch, die verworrenen Frontlinien dieses Krieges wenigstens anzuskizzieren, die Verbrechen von Assads Leuten, logistisch unterstützt von der russischen Armee, zu dokumentieren und aber auch den Alltag im Krieg zu zeigen: Ist es einem gläubigen Muslim erlaubt, Haschisch zu rauchen? Und wie kommuniziert man überhaupt noch mit der Außenwelt, wenn alles in Schutt und Asche liegt?

Joe Saccos journalistische Graphic Novels über den Palästinakonflikt oder den Bosnienkrieg haben Sulaiman genauso beeinflusst wie Marjane Satrapis "Persepolis". Sacco sagte mal, der Comic biete sich deshalb so gut fürs dokumentarische Arbeiten an, weil er anders als der Roman sich nie in Introspektionen verliere, sondern "nach außen orientiert ist. Dabei verbindet er Non-Fiction mit Subjektivität."

Viele Menschen kennen übrigens ein Bild von Sulaiman selber - und wissen doch nicht, wer er ist: Nach den Anschlägen von Paris veröffentlichte er zusammen mit seiner Frau ein Foto, die beiden küssen sich darauf, mitten auf der Place de la Republique, und halten eine Schrifttafel in die Kamera, die ihre nackten Oberkörper verdeckt: "Als französisch-syrisches Paar zahlen wir täglich einen hohen Preis für Terror, Fanatismus und Grenzen. Fuck off, die Liebe wird immer gewinnen." Zehntausende interkulturelle Paare teilten das Foto seinerzeit auf Facebook.

Sulaimans Graphic Novel atmet einen ganz ähnlichen kämpferisch optimistischen Geist wie dieses Fotostatement: Das Freedom Hospital ist eine kleine kosmopolitische Insel im Malstrom des Krieges. Es ist natürlich trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis hier einer zum Verräter wird.

Hamid Sulaiman: Freedom Hospital. Aus dem Französischen von Kai Pfeiffer. Hanser Berlin, Berlin 2016. 288 Seiten, 24 Euro.