Comic Die investigative Recherche des Asterix

Der neue Asterix-Band "Der Papyrus des Cäsar" ist eine gelungene Kommunikationskomödie voll aktueller Anspielungen - und erklärt, wie die gesamte Saga entstanden ist.

Von Johan Schloemann

"Römische Tauben! Wir werden belauscht!" Diesen Warnruf gibt der Gallier Asterix in seiner neuesten Rolle aus. Die Römer, die uns nicht zum ersten Mal an das amerikanische Imperium erinnern, arbeiten natürlich mit der jüngsten Nachrichtentechnik. Geheimdienste und Eingreiftruppen operieren da Hand in Hand.

Gut, kleinere Pannen sind mitten in diesem innovativen, disruptiven Klima der aktuellen Kommunikationsrevolution unvermeidlich - einmal schicken die Römer eine Nachrichtentaube in den Nachthimmel, ein Soldat aber ruft ihr hinterher: "Wir haben den Anhang vergessen!" Doch diese Kinderkrankheiten halten den Siegeszug der Informationsgesellschaft nicht auf. Keine Frage, die spinnen wieder, die Römer: Sie spinnen ein Netz.

Es geht um den Kampf um die Wahrheit in den Medien

Die Verlage, die an diesem Donnerstag den 36. Asterix-Band in einer weltweiten Startauflage von vier Millionen Exemplaren auf den Markt werfen, standen in den letzten Wochen der NSA und dem römischen Herrschaftsapparat in nichts nach, was die Geheimhaltung anging. Doch jetzt ist er für alle da: "Der Papyrus des Cäsar" des Zeichners Didier Conrad und des Szenaristen Jean-Yves Ferri (Verlag Egmont Ehapa, 48 Seiten, 12 Euro). Die Franzosen durften nach "Asterix bei den Pikten" (2013) zum zweiten Mal das gallorömische Weltkulturerbe der legendären Erfinder verwalten, des 1977 gestorbenen René Goscinny und des 88-jährigen Albert Uderzo, der im Hintergrund seinen Segen gibt.

Die spinnen, die Münchner

Eigentlich sollte der neue Asterix-Comic erst ab Donnerstag im Verkauf stehen - München war aus Versehen wohl etwas früher dran. mehr ...

Hier arbeitet eine ultramoderne Vermarktungsmaschine für ein eigentlich denkbar altmodisches Medium: handgezeichnete Antike-Comics auf Papier. Aber das passt glänzend. Denn genau diese Spannung zwischen sehr aktuell anmutenden Informations- und Propagandamechanismen und hoffnungslos überholt aussehenden Techniken ist das Thema, ist der zentrale Gag dieses neuen Bandes. Es geht - mit Parallelen zu der gerade abgeschlossenen Cicero-Trilogie von Robert Harris - um politische PR, den Kampf um die Wahrheit in den Medien, investigative Recherchekartelle und um autoritäre Herrscher, die die Geschichte manipulieren. Aber keine Angst: Es bleibt auch noch lustig.

Julius Cäsar hat seinen späterhin von Lateinschülern gefürchteten Eroberungsbericht über den Gallischen Krieg, "De bello Gallico", fertig geschrieben. Seine PR-Berater sind im Prinzip sehr begeistert: ",Kommentare zum Gallischen Krieg' ist ein griffiger Titel, o Cäsar! Damit wird sich dein Werk bestens verkaufen!" Und tatsächlich wird es bald Gefälligkeitsrezensionen in der römischen Presse geben und eine schöne Orgie als Release-Party für das Buch.

Cäsars Palast hat Leaks. Der Wachmann, der versagt, heißt Antivirus

Aber einen gefährlichen Schönheitsfehler hat das Werk des Herrschers doch: nämlich Kapitel XXIV. Es heißt "Rückschläge im Kampf gegen die unbeugsamen Gallier in Aremorica". Cäsars Einflüsterer namens Syndicus (die Figur ist dem Pariser Spindoctor und Wahlkampfmanager Jacques Séguéla nachgebildet) rät dringend davon ab, den Abschnitt über das renitente Dorf von Asterix und Obelix zu veröffentlichen. Imageschädigend, ja sicherheitsrelevant. Bloß kein Vorbild für Aufwiegler schaffen!

Einblicke in das neue Asterix-Abenteuer

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Doch ein Kopist schmuggelt das peinliche Kapitel, die titelgebende Schriftrolle, heraus. Der Palast hat Leaks. Der Wachmann, der dabei versagt, heißt Antivirus. Und der Schreiber, der den Text hat mitgehen lassen, hat "aus Idealismus gehandelt", er spielt das Dokument einem Aktivisten namens Polemix zu, der deutlich dem Wikileaks-Chef Julian Assange ähnelt. Dieser Polemix kann auch ziemlich gut mit Taubenpost umgehen, macht sich aber trotzdem persönlich auf den Weg zum Gallierdorf und sagt: "Dieses Dokument wird das Römische Reich bis in seine Grundfesten erschüttern!"

Twitter-Vögelchen werden mobilisiert, die Nachrichten retweeten

Daraus entwickelt sich nun eine wirklich sehr gelungene Kommunikationskomödie. Das Dorf ist schon irgendwie stolz auf seine Widerstandsgeschichte, aber der Druide gibt zu bedenken: "Wir Gallier vertrauen der mündlichen Überlieferung." Also müssen diese schriftlosen Kelten den Inhalt auswendig lernen und per Oral History tradieren - der damit betraute Druidengroßmeister stöhnt schon: "Noch ein Papyrus! Mein armer Kopf ist schon randvoll!" Der Häuptling Majestix wird aber doch von der Hoffnung auf literarischen Ruhm angesteckt und fängt an, eine antirömische Gegen-Geschichte zu diktieren. Unterdessen bleibt der römische Sicherheitsapparat nicht untätig; und zum unvermeidlichen Kampf wird das Gallier-Netzwerk per "Röhrophon" und Twitter-Vögelchen mobilisiert, die die Nachrichten retweeten . . .

Ach so, Variationen der üblichen Wildschwein-, Prügel- und Zaubertrank-Witze, der typischen Szenen, gibt es natürlich auch, recht geschickt in die aktuellen Anspielungen eingefügt. Das bewährte Rezept: für alle was dabei. Und sehr distinkt und zugleich schwungvoll gezeichnet. Aber es bleibt nicht bei einer launigen Whistleblower-und Digitalisierungs-Story. Der eigentliche Clou dieses neuen Bandes ist, dass er die Entstehung des gesamten Asterix-Mythos neu erklärt - ein wenig wie die späteren "Star Wars"-Filme, die an den Anfang der Saga gehen.

"Der Papyrus des Cäsar" klärt nämlich erstmals gleichsam die homerische Frage der Asterix-Saga: Woher kommt sie ursprünglich, und warum taucht das berühmte unbeugsame Dorf eigentlich nicht in unseren Fassungen von Cäsars "Gallischem Krieg" auf? Die überzeugende Antwort: Eben weil es ein geheimes, eliminiertes Kapitel darin gab, dessen Inhalt aber in jahrhundertelanger mündlicher Druiden-Tradition über die Generationen weitergegeben wurde - bis die ganze Geschichte im 20. Jahrhundert bei "zwei talentierten Autoren" in einem Pariser Café landete. Die beiden hießen Albert Uderzo und René Goscinny. Wow - diese investigative Recherche hat sich wirklich mal gelohnt.

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