Comic Der Spuk, der nicht vergeht

Es ist still in den Verliesen des Kaukasus: Guy Delisles Comic "Geisel" erzählt von einer Gefangenschaft. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Neunte Kunst für die subtile Darstellung von Ereignislosigkeit eignet.

Von Thomas von Steinäcker

Zu den schlimmsten Bildern des noch jungen, an grauenvollen Bildern aber schon wahrlich nicht armen 21. Jahrhunderts gehören die Fotografien der in einer Steppenlandschaft knienden Entführten, die ihrer Enthauptung harren. Selbst wer sie nicht sah und nur ihre Beschreibung kennt, wird sich ihrem Schrecken nicht entziehen können. Ihre Urheber wissen, dass in der von ihnen verachteten westlichen Welt eine Tat nur wirklich zählt, wenn es auch Bilder von ihr gibt. Der Umgang mit ihnen führt indes in ein Dilemma; spielt doch am Ende jede noch so reflektierte Verbreitung derartiger "Torture Porns" den Henkern in die Hände.

Auf den ersten Blick ist es deswegen eine Überraschung, wenn sich Guy Delisle einer solchen Entführung zuwendet. Neben Joe Sacco ist der Kanadier Delisle der wichtigste Vertreter des Dokumentarcomics. Anders als sein amerikanischer Kollege versieht er seine autobiografischen Berichte aus Pjöngjang, Birma (Myanmar) oder Jerusalem mit einer Selbstironie, zu der sein cartooniger Stil passt. Das macht seine Bücher lesbar, ja oft vergnüglich. Delisles Blick gilt eher der Poesie des Absurden als dem verstörenden Zynismus, den Sacco schonungslos zu Tage fördert. Fünfzehn Jahre lang zeichnete Deslisle an dieser neuen Graphic Novel. Zum ersten Mal erzählt er darin eine Geschichte, die nicht seine eigene ist.

Christophe André arbeitete 1997 gerade mal drei Monate in der Verwaltung einer NGO im Kaukasus, als er nachts von einem Kommando aus seiner Wohnung gezerrt und in ein Auto gesetzt wurde. André hatte es jedoch nicht mit Medienprofis wie jenen des IS zu tun, sondern mit Kidnappern, die keine Ahnung vom modernen Terror-Marketing hatten. Zunächst geschah freilich, was bei allen Entführungen den eigentlichen Hauptteil der Ereignisse darstellt und sich zugleich jeder Darstellung entzieht, nämlich: nichts. Oder: sehr wenig. Man könnte auch sagen: endloses Warten.

André wird in einer abgedunkelten Privatwohnung bei Grosny in einem Zimmer gefangen gehalten, in dem sich nur eine Matratze befindet. Schon am ersten Tag ist sich der dreißigjährige Franzose, der alles erstaunlich selbstdiszipliniert über sich ergehen lässt, sicher: "Länger als 24 Stunden würde das Ganze wohl nicht dauern." Nach einer Woche: "Noch ein, zwei Tage, dann sollte der Spuk vorbei sein." Doch alles, was passiert, ist, dass er in ein anderes kahles Zimmer verlegt wird, wo er mit Handschellen an einen Heizkörper angekettet wird. Um nicht den Verstand zu verlieren, versucht er, der grauen Monotonie der Tage eine Struktur zu verleihen. So konzentriert sich bald seine ganze Wahrnehmung auf die wenigen Fixpunkte seines neuen Lebens: Dreimal am Tag wird ihm von immer denselben schweigsamen, aber nicht gänzlich unsympathischen Gestalten das Essen gebracht, er darf aufs Klo, dann dämmert er weg, stets in der Sorge, sein Zeitgefühl zu verlieren und nicht mehr zu wissen, wie lange er schon in seinem Zimmer sitzt. Als Kenner der Militärgeschichte versucht er, seinen Geist dadurch wach zu halten, dass er sich Jahreszahlen und Gestalten historischer Schlachten ins Gedächtnis ruft, gegenüber denen sich sein eigenes Schicksal lächerlich unwichtig ausnimmt. Ausnahmen von der Regel werden für ihn zu Großereignissen: Etwa wenn er auf dem Weg vom Korridor zum Bad eine junge verschleierte Frau in einer Küche erblickt, wie aus einer fremden, unerreichbaren Welt; wenn es einmal Omelette statt Suppe gibt; wenn er mit seinen Entführern fernsehen darf. So richtet sich André in seiner Situation ein, immer in der vermeintlichen Gewissheit ihres baldigen Endes. Doch als er erst nach einem Monat nach der Telefonnummer seiner Organisation gefragt wird, ahnt er, dass er es mit Dilettanten zu tun und seine Leidenszeit erst begonnen hat.

Gerade im Vergleich mit Joe Saccos "Palästina", wo eine Verschleppung mit sehr ähnlichen Mitteln, jedoch wesentlich brutaler geschildert wird, fällt das Besondere an Delisles Herangehensweise auf: Er hat sich für einen viele Jahre zurückliegenden Fall entschieden, der in jeder Hinsicht glimpflich verlaufen ist, sodass sich ein Gefühl existenzieller Beklemmung kaum mitteilt. Denn auch wenn Delisle realistisch zeichnet, bleibt er der Tradition des Cartoons treu. André hat kaum individuelle Züge, stattdessen wird er durch Brille und Bart typisiert. Er bewahrt sich selbst in den unmöglichsten Situationen einen gewissen Sinn für Humor, etwa wenn er sich die absurden Unterhaltungen seiner Kidnapper über ihre "Ware", sprich ihn, vorstellt. In solchen Momenten erinnert André überraschend stark an die autobiografische Hauptfigur in Delisles bisherigen Werken. Anders als dort erfahren wir jedoch nichts über gesellschaftliche Zusammenhänge, ja, was schwerer schwiegt: Die eigentliche Arbeit der NGO oder aber die Motive der Kidnapper bleiben im Dunkeln. Warum also überzeugt das Buch, das in Frankreich gleich nach seinem Erscheinen zum Bestseller wurde, am Ende dennoch?

Die eigentliche Herausforderung an diesem Plot ist eine formale: die Darstellung vollkommener Monotonie. Richard Powers reicherte in seinem Entführungsroman "Schattenflucht" aus dem Jahr 2000 die Geschichte um einen in Libanon verschleppten Lehrer durch eine Parallelhandlung aus der Virtual-Reality-Forschung an und machte daraus ein philosophisches Lehrstück. Der Film "3096 Tage" erhielt seine Dynamik durch die paradoxe Beziehung zwischen Natascha Kampusch und ihrem Entführer. In "Geisel" hingegen gibt es keine unmenschlichen Kidnapper, keine Brutalitäten, kaum Action, keine hektischen Bemühungen im Krisenzentrum. Wir bleiben völlig in der subjektiven Wahrnehmung Andrés.

Das Erstaunliche ist: Delisle beweist schon auf den ersten Seiten, wie gut sich die Neunte Kunst für die subtile Darstellung von Ereignislosigkeit eignet, gehört doch die Beschreibung minimaler Veränderung, anders als in anderen Medien, zum Grundprinzip jedes Comics. Tatsächlich wirkt bei Delisle dieses Warten, das er entsprechend der Tage von Andrés Gefangenschaft in 111 Kapiteln gliedert, bemerkenswert pointiert. Ja, mehr noch: Wie in einem Roman von Beckett befindet sich André in einem völlig abstrakten Raum, in dem er ganz auf sich und seine Wahrnehmung zurückgeworfen wird. Delisle versteht es, uns daran vom ersten Moment an teilhaben zu lassen: Da wandert der Lichtfleck der Sonne über viele Panels durch ein Zimmer. Wenn die Entführer einmal vergessen, André nach dem Essen anzuketten, legt er mit geschlossenen Augen beide Hände an die Mauer seines Gefängnisses, um sie zu spüren. Delisle verstärkt den abstrakten Charakter seiner Bilder noch dadurch, dass er die Panels in kühles Blau einfärbt. Es ist künstlerischer Triumph, eine solche Gegengeschichte über einen Mann erzählen zu können, der sich in einer scheinbar ausweglosen Situation seinen Willen zur Würde und sein Staunen über die Welt bewahrt.

Guy Delisle: Geisel. Aus dem Französischen von Heike Drescher. Reprodukt Verlag, Berlin 2017. 432 Seiten, 29 Euro.